Auswanderungen großer Nationen aus ihren Wohnsitzen, umsich nach Unterjochung anderer Völker deren fruchtbare Gegen-den zuzueignen, verursachten eine Mischung der verschiedenstenVölkerstämme und Sprachen. Es verschwanden alte Nationenund alte Sprachen, die seit tausend Jahren geblüht hatten,und neue Sprachen bildeten sich aus der Mengung von denTrümmern der Alten. Als nachher die Völkerschaften in ihrenWohnsitzen fester wurden, und nicht mehr einander verdrängten,ward darum ihre Sprache nicht fester, denn nun nahm einVolk die Erfindungen des andern an, tauschte in wechselseitigemVerkehr und Wandel Vorstellungen, Einrichtungen und Erzeug-nisse des Bodens gegen andere aus, und mit allen diesen auchdie Bezeichnung der frtmden Dinge, oder die Wörter. Es bliebalso keine Sprache lange Zeit dieselbe. Und so verschieden dieSprach? unserer Tage in dem gleichen Volke von derjenigen ist,die vor tausend Jahren geredet wurde, so sehr wird sie auch vonderjenigen abweichen, die man nach tausend Jahren reden wird.
So wie man aus der Rauhheit oder Weichheit der Spracheden Einstuß des Himmelsstriches, oder aus dem Gesang undder Betonung der Rede die Gemüthsart des Volkes erkennt:so offenbart sich in dem eigenthümlichen Wortreichthum derSprache die geistige Thätigkeit der Nation. Denn je lebendiger,schaffender und Heller der Geist, je eifriger ist er bemüht, Alles,was er erkennt und denkt, mit hesondern Namen zu bezeichnen,auf daß er seine Vorstellungen davon Andern mittheilen könne.Man begeht jedoch einen großen Jrrthum, wenn man glaubt,daß der Mensch ohne Sprache unfähig des Gedankens wäre. DerGedanke ist nicht erst eine Frucht des Wortes, sondern das Wortist die Frucht des Gedankens. Wie wollten wir den Gedankenmit einem Tone bezeichnen, ehe er vorhanden wäre?
Der menschliche Geist denkt eben sowohl ohne alle Sprache,als die menschliche Seele, ohne ein äußerliches Zeichen der Lustund Traurigkeit zu geben, dennoch einen angenehmen oder un-angenehmen Zustand empfinden kann. Taubstumme, welchesonst keine innern Gebrechen haben, wodurch die Thätigkeitihres Geistes gehemmt wird, Taubstumme, die nie einen KlangVI. ö