Druckschrift 
6 (1837) Gott in der Natur
Entstehung
Seite
99
Einzelbild herunterladen
 

99

in der Art, wie sie ihre Nahrung suchen, oder wie sie ihreNester und Höhlen bauen, oder wie sie sich vor den Nach-stellungen ihrer Feinde sichern, oder wie sie allerlei Dingeerlernen, die dem Menschen zum Vergnügen und Nutzen ge-reichen; nur dunkeler, ihnen vom Schöpfer verliehener Triebist Alles, oder eine Erinnerung von verworrenen Erfahrungenüber das, was ihnen unter gewissen Umständen Lust oderSchmerz erweckte. Die größte Geschicklichkeit des Vogels, mitwelcher er umherschwebt, sein Futter zu finden, oder in fremdeWeltgegcnden zu ziehen im Herbst, oder im Wiederfinden seinerHeimath, wenn er im Frühling aus weit entlegenen Landen zuuns zurückkehrt, ist nicht bewundernswürdiger, als wenn derkaum geborne menschliche Säugling die Mutterbrust sucht, unddie Milch zur Erhaltung seines zarten Lebens eintrinkt. Undso sinnreich auch der Bau und die Arbeit der Bienen in ihrenZellen von Wachs, oder das mühsame, geschäftige Einsammelnder Ameisen für den Winter sein mag: ihre Kunst ist keinWerk ihres eigenen Nachdenkens, sondern des dunkeln Triebes.Sie schreiten nie weiter, als dieser sie führt. Sie können ihreArbeit nie vollkommener schaffen, ihre Geschäftigkeit nie durchneue Kenntnisse vermehren. Wie Ameisen und Bienen seit An-fang der Welt vor Jahrtausenden bauten und sammelten; alsobauen und sammeln sie fort noch bis zum heutigen Tage.

Ganz anders ist cs mit der Thätigkeit des Menschen undseiner Kunst. Das menschliche Geschlecht schreitet seit Jahr-tausenden unaufhörlich in Vervollkommnung seines Zustandes,seiner häuslichen und gesellschaftlichen Einrichtungen fort. Dieeinst in Wäldern und Höhlen, nachher in gebrechlichen Hüttenlebten, erbauten zuletzt glanzvolle Paläste, angefüllt mit allenAnnehmlichkeiten des Lebens. Die einst nackt und halbbedecktumherwandelten, in Furcht und Schrecken vor wilden Thieren,gehen jetzt wohlgeschützt durch ihr Gewand gegen die Rauhigkeitder Witterung, geschirmt durch ihre künstlichen Waffen, undsind das Schrecken der wilden Thicre, die Herren der Erde.Ihnen ist keine Weltgegend zu fern, kein Gcbirg zu hoch; sieschweben, ohne die Natur des Fisches zu haben, über Welt-