das Gedächtniß und die Einbildungskraft laut. Jetzt entwickelnsich verworrene Erinnerungen unter allerlei Gestalten; Dinge,welche auf unser Gemüth irgend einmal einen tiefen Eindruckgemacht haben, erscheinen am leichtesten. Daher beschäftigensich die Träume bejahrter Personen oft mehr mit Gegendenund Personen ihrer frühem Jahre, als mit solchen, die sie imspätem Alter kennen lernten, weil die Eindrücke am tiefsten zusein pflegen, die wir in zarter Jugend empfangen haben. Aberder Verstand und die Kraft zu urtheilcn ist im Anfang deSTräumens noch schwach. Ein Bild der Phantasie erinnert an dasandere. So gehen wir mit Fremden und Bekannten im Traumeum, und mit Todten, als wären sie noch am Leben. Je leiserder Schlaf wird, desto mächtiger wird die urtheilende Kraft derSeele. Zuletzt erstaunen wir im Traume selbst über dessenWidersprüche; erstaunen, daß wir Gestorbene wieder lebensehen. Endlich entdecken wir sogar im Traume, daß wir nurträumen.
Dies ist der Ursprung, dies die Geschichte des Traums.Wie kann cs einem vernünftigen, das heißt, vorurtheillosenMenschen einfallen, daß die Seele durch bloße Gaukeleien ihrerrege werdenden Einbildungskraft Heller sähe, als wenn sie inihrer vollen Thätigkeit mit allen ihren vereinten Kräften wirkenkann?
Hätte sie aber ein Vermögen, die künftigen Dinge imTraum vorherzusehen, so würde Gott, der uns die Zukunftmit weiser Hand verhüllt, mit sich selbst im Widerspruch stehen.
Hätte sie dies Ahnungsvermögen: so würde es Gott nichtvorzugsweise einzelnen Menschen, sondern allen verliehen haben,so wie er allen die gleichen Kräfte, wenn gleich in verschiedenemMaße, ertheilt hat. Aber unter Tausenden ist kaum Einer, derdies Ahnungsvermögen zu besitzen sich rühmt.
Hätte der Schöpfer uns mit der Kraft ausgerüstet, die vor-liegende Zukunft im Traume zu entdecken: so würde diese Kraft,der göttlichen Weisheit und Zweckmäßigkeit zufolge, die wirsonst in allen Werken Gottes bewundern, sich nicht nur bei un-bedeutenden Dingen äußern, die uns weder viel nützen, noch