Sind sie für dich nicht eben so, als wären sie nie gewesen? Undso wird der größere Theil deines Lebens für dich sein, als hättestdu ihn nicht gelebt, wenn du der Geschichte jedes deiner einzelnenTage keiner Aufmerksamkeit würdigest. Du hast geärntet, aberdeine Aernten nicht aufzubewahren verstanden. Du lebtest nurfür den gegenwärtigen Augenblick, wie das Thier, welches keinGedächtnis; von Allem behält, als höchstens von dem, was denstärksten Eindruck machte.
Sprich nicht: Aber was ich täglich erlebe ist zu einförmig,zu gering. Nein, was dir begegnet, ist dir Alles wichtig, undwird wichtiger werden, wenn du es dazu zu machen verstehst.
Warum lebst du? Wonach ringst du? Wofür sorgstdu, und mühest dich ab? — Um glücklicher zu werden. —Wie aber willst du ein größeres Glück ohne Ueberlegung, ohneWeisheit erwerben können? Und wenn dir ohne deine Würdig-keit Ehrenstellen, Reichthümer, Freundschaften wurden, müßtestdu sie nicht aus Mangel an Würdigkeit bald wieder verlieren,wie es vielen Andern vor dir geschah? Könntest du ohnerichtige Selbstkenntniß, ohne starke Selbstbeherrschung, ohnefeste Religiosität wahren Genuß in den Gütern dieses Lebensfinden ?
Werde weiser, und du wirst des höchsten Glückes würdigsein. Aber der Weisheit Anfang ist Selbstkenntniß. Selbst-kenntniß aber gewinnen wir nur, wenn wir unsere täglichenSchicksale und die Art beobachten, wie wir uns in denselbenbetrugen.
Uederdenke — und jede Abendstunde gibt dazu endlich einenfreien Augenblick — überdenke, was dir diesen Tag, den duzurücklegtest, begegnet ist; was den Dcinigen, was deinenFreunden und Bekannten. Es ist vielleicht in Allem nichts be-sonders Auffallendes, was deine Neugierde beschäftigen, deineVerwunderung rege machen könnte, aber doch immer so viel,daß du darin auch die im Geringsten, wie im Größten waltendeVorsehung Gottes erkennen magst. Du hattest diesen Tagmanchen kleinen Entwurf gemacht; es gelang Dir nicht Allesnach deinem Wunsche — an wem lag die Schuld? Vielleicht