Wie lieblich tönt dem Müden die stille Feierabendstunde!Wie süß ist, nach nützlicher Arbeit, die Ruhe! Und mit welchenganz eigentümlichen Reizen hat die Hand des Schöpfers denAbend geschmückt, der uns mit Erquickung belohnen soll!
Gehört nicht ein schöner Sommerabend zu den prachtvollstenErscheinungen der Natur? Wer sah nicht schon mit Entzückendas majestätische Schauspiel eines Sonnenuntergangs, wenn dasgroße Tagsgestirn hinter fernen Gebirgen niedersank, um andernWelttheilcn zu erscheinen, und Leben und Freude zu bringen?Noch glühen vom scheidenden Sonnenstrahl geröthet die Höhenund die Wipfel der Wälder, wie Flammen auf dem Dankaltarder Erde, zum Himmel empor. Der Landmann kehrt heim vomFelde, seines vollbrachten Tagewerkes froh; die Heerden verlassenihre Wiesen, und eilen den Ställen entgegen. Das Getümmelder Thäler und Dörfer wird leiser, und wie die Schatten däm-mernd Städte und Haine und Hütten und Paläste verschleiern,verstummt der Gesang der Vögel. Alles tritt in tiefere Stillezurück, Alles sinkt in die Arme der ersehnten Ruhe.
Selbst der Winterabend, mag auch die Natur von allersommerlichen Pracht entkleidet sein, gewährt uns seine besondernGenüsse. Er führt die Freunde enger zusammen am gesell-schaftlichen Herd; er vereint die frohen Familien früher in denwarmen, erleuchteten Zimmern zu traulichen Gesprächen, leichtenBeschäftigungen oder erheiternden Spielen, während der Sturmdraußen Regen und Schnee an den sichern Wohnungen in derFinsterniß vorüberführt, um das Erdreich zu größerer Frucht-barkeit in den milden Jahreszeiten vorzubereiten.
Der größte Theil der Menschen, seit der Morgenstunde vonden Arbeiten und Mühseligkeiten des Tages bedrängt, hat seinefrohesten Augenblicke dem Abend zu danken. Der Abend ist dasFest der Müden: er ist aber auch das Fest der Guten.
Die Dunkelheit trennt uns gleichsam von der ganzen Weltab, und beschränkt uns bloß auf den Umgang mit einigen ver-trauten Wesen — zuletzt nur auf uns selbst. Finsterniß verhülltunsere Werkstätten, unsere Lustplätze, die Wohnungen unsererFeinde und Freunde. Die Welt stirbt uns gleichsam mit jedem