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So schön, so wohlthätig aber für die Christen auch dieErhebung des Gemüths zu seinem Schöpfer und Vater in derFrühstunde des Tages ist, so unfruchtbar würde sie sein, wennman darunter ein bloßes Gewohnhcilswcrk, ein Herlesen oderHersagen gewöhnlicher, auswendig gelernter Gebetsformeln ver-stände, bei denen man so wenig denkt und fühlt. Der wahreChrist betet nur selten, nur bei den lebhaftesten Bewegungender Seele, mit dem Munde; immer aber betet sein Herz. Erredet in seinen Gedanken zu Gott. Und dieser fromme, innigeGedanke, dieser stille Seufzer zum Führer unsers Lebens wiegtstundenlange Gebete auf, bei denen wir nichts empfinden.
Das andachtvolle Lesen schöner Morgcngebcte hat freilichebenfalls seinen großen Nutzen für das Gemüth. Nicht aberDarin, daß wir einem Andern die Gebete nachstammeln, sonderndarin, daß sich unsere Andacht an der Andacht des Andern er-wärmt; daß sich unsere Empfindungen an den EmpfindungenDes Andern entzünden; daß fremde Gedanken erst die Selbst-thätigkeit unseres eigenen Gemüthes erwecken. Denn was wirempfinden, was wir bedürfen, was wir hoffen, wünschen,leiden, das weiß kein Fremder, welcher Gebete zur Erbauungschrieb. Unsere Freude, unsere Noth, unsere Sehnsucht, unserZweck ist ja außer uns Niemandem bekannt, als dem Allwissen-den allein.
Gewöhnlich sind daher die fleißigen Alltagsbeter, nachdemsie ihren Morgenspruch hergestammelt haben, so leichtsinnig,wie zuvor. Sie glauben in ihrem Wahn, Gott das gebührendeOpfer gebracht zu haben, und wollen nun auch wieder ihrenAlltagsneigungen das Opfer bringen. Sie legen das Morgen-gebet bei Seite, verlieren den Gedanken an Gott, und gehen,ihren Bruder zu übervortheilen, ihre Mitschwester zu ver-leumden, ihre Eitelkeit zu kitzeln, ihre Unschuld zu beflecken. -—Ach, sie sind nicht Jünger Jesu! Die Weihe ihres Morgenswar keine Weihe, die segensvoll den ganzen Tag lieblicher machenkonnte. Sie sinken wieder in den Schlamm ihrer Sünden, ihrerunreinen Begierden unter — kein Morgen- und kein Abendgebetreinigt sie davon.