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Wahre Frühandacht, in Jesu Sinn begangen, wie er unsselbst beten lehrte (Matth. 6, 6. 7.), kann nicht möglich sein,ohne daß wir, indem wir uns im Geiste dem allerheiligsten derWesen nahen, unsere Umvürdigkeit, unsere Schwächen, unsereFehler wahrnehmen. Sie kann nicht möglich sein, ohne daßwir uns vor dem Blick des Allerreinsten, des Allwissendenunserer Flecken schämen. Und diese Scham und Scheu vor unsselbst, dies innere Erröthen vor unserer geheimen Schande,vor unsern eingewurzelten Gewohnheits- oder Naturfehlern,ist zugleich die Mutter unserer bessern Vorsitze, wird das feier-liche Gelübde, es diesen Tag kräftig zu versuchen, ein vonFehlern unentwcihtcs Leben zu führen, edler, gemeinnütziger,liebevoller, versöhnlicher, menschenfreundlicher zu sein, alsjemals.
Nur solche Morgenandacht ist wahre, christliche Einweihungdes Tages; nur solches Opfer, welches wir der Gottheit dar-bringen, ist das köstlichste, was wir zu bringen vermögen; nursolcher Morgenstunde folgt Seelenfreudigkeit des Tages.
Darum ist dem Christen sein erstes Erwachen vom Schlum-mer ein feierlicher Augenblick, der über den Werth des ganzenTages entscheiden kann. Dies Erwachen in der Morgenfrüheaus einer vierstündigen Art von Bewußtlosigkeit ist ihm eineMahnung, eine Vorbedeutung von dem Erwachen aus demSchlafe des Todes. — Du lebst! dies ist dein erstes Gefühl.Du bist erwacht! und wäre in diesem Schlafe deine Seele vomLeibe gewichen, weinten jetzt Freunde und Freundinnen amTodtcnlager über deinen Leichnam: du wärest doch erwacht;nicht hier, wohl anderswo! Du bist erwacht; so wirst du immer-dar aus der Finsterniß kurzer Bewußtlosigkeit, Schlaf oder Todgeheißen, hervorgehen. Den Wechsel dieses Schlummers undErwachens ordnete des Schöpfers Weisheit nicht vergebens an.Alles hienieden ist ein Vorbild des künftigen Lebens und derEwigkeit.
Ich werde, ja ich werde einst erwachen vom letzten Schlum-mer, o Gott, o Ewiger! Wie wird mir sein, wenn dann nichtmehr das Licht der Erdcnwelt in meine Augen fällt, sondern