Druckschrift 
6 (1837) Gott in der Natur
Entstehung
Seite
23
Einzelbild herunterladen
 

ein ganz anderer am Abend zu sein scheint. Am Morgen, vollerKraft, sieht er Alles heiterer und Heller, beurthcilt Alles billiger,ist freundlicher, hoffnungsvoller; am Abend ist er unwillkürlichernsthafter, schüchterner; er urthcilt strenger, ist leichter gereiztund empfindlich, sei es für Freude oder Kummer; sieht Vielesbanger und zaghafter und unter ungünstigerm Lichte an. AmAbend verwundert er sich oft über die Kühnheit seiner amMorgen gemachten Entwürfe, und am Morgen verspottet erselbst die Mutlosigkeit, die er des Abends empfand.

So hat der Schöpfer in Alles, selbst in das Gewöhnlichsteunscrs Lebens, eine wunderbare Mannigfaltigkeit gelegt, dieuns nie ermüden läßt. Ein fortdauernder Wechsel der Gegen-stände und Gefühle reizt uns zu anhaltender Thätigkeit, weilohne Thätigkeit keine Verbesserung unscrs Zustandes möglich ist.

Und sollte ich gegen diese Veranstaltungen meines Gottesgleichgültig sein? gegen Veranstaltungen, die er zu meinerGlückseligkeit auf Erden, zu meiner allmäligen Veredlung ge-troffen hat?

Nein, ich bin ein Christ! Nichts ist mir gleichgültig,worin sich mir Gottes Weisheit und Güte offenbart. Ich bin einKind Gottes, des Allmächtigen: wie sollte ich ohne das tiefsteVergnügen die Werke meines ewigen Vaters erblicken?

Umgebet mich, o ihr Erinnerungen aller glücklichen Morgen,die ich auf Erden lebte! Erwachet wieder in mir, ihr heiligenEmpfindungen, die ihr mich beseligt habt, wenn ich über dieblühende Natur eine strahlende Sonne durch die Wolken desMorgenroths aufsteigen sah, und durch die ganze Schöpfungder Lobgcsang auf die ewige Güte ertönte! Werdet wieder rege,o ihr süßen Thränen meines Entzückens, welche mein Auge zu-weilen umdunkeltcn, wenn mich Gottes Majestät und Herrlichkeitaus seinen wundervollen Werken in einer goldenen Frühstundeumschwebten! Den will ich preisen, ihn bewundern, der desWeltalls Schöpfer und auch mein Schöpfer, der des WeltallsVater und auch mein Vater ist.

Fürsten der Erde, verschwendet eure Schätze, um euch inprachtvollen Festlichkeiten ergötzen zu können, die ihr selbst er-