Druckschrift 
1 (1799)
Entstehung
Seite
LVII
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I.VH

Um uns gegen solche parteyische Urtheile zu vertheidi-gen, stellen wir in uns selbst einen neuen Richter auf,der zwischen uns und denen, mit welchen wir leben,Recht spreche. Wir stellen uns vor, als handeltenwir in der Gegenwart einer Person, die weder mituns, noch mit der durch unsere Handlungen leidendenPerson in einem besondern Verhältnisse stände, undwir bemühen uns so zu handeln, daß wir den Beyfalldieses unparteiischen Zuschauers zu erhalten hoffenkönnen. Nur indem wir die Urtheile dieses fremdenBeobachters und Richters zu Rache ziehen, könnenwir den Werth unsrer eigenen Handlungen, mit eini-ger Gewißheit erkennen.

Zwey Zeitpunkte beym Handeln giebt es, inwelchen wir uns an diesen unparteyischen Zuschauer,zur Untersuchung unserer Aufführung, in Gedankenwenden: einmahl, wenn wir uns zum Handeln ent-schließen, und zweytens, wenn wir vollbrachte Hand-lungen prüfen. In beyden Fällen sind wir doch nochimmer in Versuchung parteyisch zu seyn.

Wenn wir im Begriffe sind zu handeln: so er-laubt uns die Leidenschaft, von der wir eingenommensind, selten, den Standpunkt, in welchem ein un-parteyischer Zuschauer unsere Handlung ansehen wür-de, zu fassen. Und wenn die Handlung vorbey,und die Leidenschaft durch ihre Befriedigung oder durchdie Zeit gemäßigt ist: so wird es uns zwar an sicheher möglich, in die Seele jenes unparteyischen Zu-schauers zu sehen, und dessen Urtheile über unser Bs-