Druckschrift 
1 (1799)
Entstehung
Seite
LVI
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I.VI

Urtheile andrer haben; es sey auf die, welche siewirklich fällen , oder auf die, welche sie unter gewissenBedingungen fällen würden, oder endlich auf die,welche sie fällen sollten; und daß, wenn ein Mensch-on seiner Geburt an, einzeln, ohne das mindesteVerkehr mit andern Menschen lebte, er von einemUnterschiede zwischen sittlich Gut und Böse so wenig,als von dem Unterschiede zwischen Schön und Häß-lich etwas wissen würde. Es giebt zwar, behauptetSmith, einen Nichterstuhl in unserm eignen Busen,von welchem alle unsre Handlungen ihr Urtheil em-pfangen, und dessen Aussprüche uns oft mitten unterDen Lobpreisungen derWslt demüthigen, und bey demallgemeinen Tadel derselben erheben; gleichwohl fin-den wir, wenn wir auf den Ursprung dieser innern Ge-richtsbarkeit sehen, daß sie ihr Ansehen großen Theilsvon jenen Entscheidungen fremder Richter erhält, wel-che so oft von ihr wiederrufen und abgeändert werden.

Wenn wir zuerst in die Welt eintreten, so ma-chen wir gutherzig den unmöglichen Entwarf, allerMenschen Liebe und Beyfall zu gewinnen. Wir wer-den indeß bald gewahr, daß dieser allgemeine Bey-fall unerreichbar ist; daß wir bey der rechtschaffenstenAufführung, doch den Vortheilen oder denNeigun-§en einiger Menschen entgegen handeln müssen, diedann selten unbefangen genug sind, um die Billigkeitunsrer Bewegungsgründe anzuerkennen, und zuzuge-ben, daß ein Betragen, welches ihnen unangenehmist, doch für uns vollkommen anständig gewesen sey.

Um