Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
433
Einzelbild herunterladen
 

433

war das Wichtigste und Wesentlichste; darum offenbarte er esuns lichtvoll, über jeden Zweifel erhaben. Was der Natur desmenschlicher Verstandes unergründlich bleiben mußte, darüberschwieg er oder redete nur in Bildern und Gleichnissen. Lassetuns die weisen Absichten des göttlichen Menschenfreundes ehren,nicht weiter schreiten, als er selbst es wollte; nicht mehr behaupten,als er selbst zu enthüllen für gut fand. Glaube und schweige,und bewahre dein Heiligthum in der Brust!

Die Religion Jesu unsers Herrn ist keine Religion des Kopfes,kein Gegenstand für scharfsinnige Grübler: würde er sie sonstden ärmsten und niedrigsten Leuten im Volke gepredigt haben,die gar keine gelehrte Erziehung genossen hatten? Sie istund soll sein eine Sache des Herzens. Er wollte uns durch siejene Unschuld und Heiligkeit wiedergeben, welche im Paradieseverloren ging; jene Gottähnlichkeit, in der die Menschheit er-schaffen war. Darum sagte er zu seinen Jüngern: wenn ihrnicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht ins Himmel-reich eingehen. Darum sprach er: ihr sollet vollkommen werden,wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Aber Zweifeln undDeuteln an den Geheimnissen göttlicher Dinge macht uns nichtvollkommener, und besondere Meinungen und Forschungen überdie Persönlichkeit Jesu machen uns nicht unschuldiger. Auchforderte er nie dazu auf, wohl aber dazu, daß wir in seinemSinne lieben, den Nächsten wie uns selbst, Gott über Alles.Was dir verborgen oder unerforschlich bleiben soll, was allenJahrhunderten unerklärt und unerforscht blieb, das versuchenicht mit fruchtloser Anstrengung deines Witzes zu erklären undzu erforschen. Glaube und schweige, und bewahre dein Heilig-thum in der Brust.

In einen Fehler ganz entgegengesetzter Art verfallen aberdiejenigen, welche wirklich Religion haben, Religion lieben,denen Tugend, Gott und Ewigkeit das Heiligste sind, undwelche sich gewissermaßen schämen, die Religiosität ihres Sinneszu verrathen. Es gibt ihrer Viele, selbst würdige, rechtschaffeneLeute, welche sich gern und mit Inbrunst in ihren Gebeten zuGott wenden, aber aus seltsamer Menschenfurcht Alles anwenden, -