Man hat sehr Unrecht, über dergleichen Gegenstände, welcheunserm Urtheilsvermögen, sowohl durch die Eigenthümlichkeitdes Inhalts, als durch die Entfernung des Zeitalters, also ent-rückt stnd, daß wir nicht entscheidend über dieselben abzusprechenvermögen — man hat sehr Unrecht, sage ich, über solche Gegen-stände mit andern Personen, deren Meinungen von den unserigenabweichcn mögen, in Widerspruch und Wortwechsel zu treten.Denn ungerechnet, daß durch solche eitle Streitreden über diePerson Jesu Keiner sehr belehrt, erbaut und gebessert wird,pflegt damit nur gegenseitige Erbitterung geweckt und oft sogarverursacht zu werden, daß man von heiligen Dingen mit wenigerEhrfurcht denkt und redet, als man sollte. -
Meide diese unnützen Gespräche, um nicht das Heilige zuentweihen. Laß dich nicht dazu durch einen voreiligen Bekehrungs-eifer verleiten. Denn so wenig du dir das Kleinod deines Glau-bens und deine Ucberzeugung durch fremden Glauben und fremdeUeberzeugung willst rauben lassen: eben so wenig will sich einAnderer in seinen Meinungen und religiösen Vorstellungen ge-kränkt sehen. Hat er nicht Moses und die Propheten, wie du?hat er nicht Christus und die Apostel, wie du? So bekämpfedenn nicht, was in ihm ist, wenn es nur gute Früchte bringt.Siehe, alle Religion im Menschen ist gleichsam die Blüthe seinesWesens. Zerreiße diese Blüthe nicht, denn du zerstörst die Fruchtzugleich. Deine eigene Blüthe kannst du in das Wesen keinesAndern bringen, wenn du dich nicht ganz selbst in den Andernverwandeln kannst. Ueberlasse das Amt der Belehrung denen,deren Berufes ist, Lehrer zu sein. Glaube und schweige, undbewahre dein Heiligthum in der Brust.
Eben aus solchen unnützen Streitfragen über die Geheimnisseder Religion, über die Persönlichkeit Jesu Christi, über Dinge,von welchen ein Sterblicher am wenigsten zu erklären und zusagen im Stande ist, sind die meisten Trennungen in der christ-lichen Kirche, die meisten Sekten und Schwärmerhaufen ent-standen. Ueber das, was Jesus allem Volk gepredigt hat, überdie Lehren des Heils, durch welche wir Leben, Seligkeit undVerbindung mit Gott empfangen, hat man nie gestritten. Dies