Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
391
Einzelbild herunterladen
 

391

4 .

gegen jede That, die von Andern gerühmt wird. Man gewöhntsich, von Allem immer das Schlechteste zu vermuthen. Manverliert den Glauben an Tugend und Menschheit, und hat da-mit den schönsten Theil des Erdenglücks verloren. Denn welchrin elendes Loos ist es doch, sich von Menschen umringt zu sehen,oder umringt zu glauben, in denen das Gute erloschen ist, unddie uns nie ihre wahre Person, sondern eine erkünstelte zeigen!Was ist das Leben, wenn es uns nicht das Glück der vollenFreundschaft gewährt? wenn es uns zwischen Fremdlinge hin-stellt, die sich uns nie anders als mit schlau verhehltem Eigen-nutz , mit Betrug und Heimtücke nahen?

Aber du, der du also klagst, prüfe dich ebenfalls, ob du nichtm deinem Leben schon vielfältig zu der Klage Anlaß gegeben,die du jetzt gegen Andere führst. Sei aufrichtig gegen dich selbstund gestehe: Bist du immer und gegen Jeden so wahr und recht,als du von Jedem verlangst, daß er gegen dich sein sollte? Hastdu niemals Ursache gehabt, dich wegen eines begangenen Fehlers,Den du gern verheimlicht hättest, öffentlich besser zu stellen, alsDu warst? Hast du niemals, um bei Diesem oder Jenem dicheinzuschmeicheln, oder deine Absichten zu erreichen, schönere Worteausgestreut, als es dir Ernst damit gewesen ist? Hast du niemalsan frohen Aufwallungen Freundschaften gesucht, Freundschaftengeschlossen, die dir in spätern Zeiten und bei allerlei verändertenAmständen gleichgültig oder gar lästig geworden sind? Hast dunicht selbst auf diese Art manches Herz getäuscht, das, dir ver-trauend, endlich irre an dir geworden?

Siehe, wie du, so sind andere Menschen. Und welche duverachtest oder anklagst, sind oft nicht böser, als du selbst seinMagst, so sehr sich auch in diesem Augenblicke deine Eigenliebedagegen sträube.

Bei dem allen aber bleibt die Klage gegründet, daß dieHeuchelei und Meißner«, mit der ein Mensch dem andern naht,Ursache an der Verbitterung unserer edelsten Lebensstundcn wird,nnd zuletzt einen Ueberdruß und Ekel an der Welt und den Men-schen erzeugen kann. Daher ermahnte Jesus, der große, göttlicheWeltbeglücker, seine Nachfolger so ernst zur Wahrhaftigkeit in