390
43.
Des Heuchlers Leben.
t. Zoh. z, 18.
O Du, der Wahrheit Quell/ du LichtOhn' alle Finsternisse!
Nichts ist/ was ejne Zunge spricht,
" Das, Gott, Dein Geist nicht wisse.
Zu jeder Zeit, an jedem Ort,
Hörst Du, Allhörer, jedes WortDes Redlichen und Heuchlers.
An s Helle Mittagslicht hervorBringst Du der Zunge Sünden;
Die Falschheit bricht wie mürbes Rohr,
Und wird den Rächer finden.
Der Meißner lächle immerhin,
Er findet di« Vergelterin,
Er findet eine Zukunft!
Rein sei denn meines Herzens GrundVor Dir in Heller Klarheit;
Und jedes Wort aus meinem MundUnd jeder Blick voll Wahrheit.
Wozu mehr scheinen denn, als sein ?
Ich will nur, was ich sein kann, sein;
Nur so gibt Gott mir Gnade!
26ie wenig kann man sich doch auf die Menschen verlassen! Wieoft wird man selbst von denen getäuscht und betrogen, auf derenWorte man sich am sichersten stützen zu dürfen glaubte! Woman Güte erwartete, war es nur kalte Höflichkeit; wo manFreundschaft vermuthete, war es nur Eigennutz; wo man Liebewähnte, war es nur Gefallsucht und Eitelkeit; wo man Selbst-aufopferung für eine gut? Sache zu sehen glaubte, war es nurheimlicher Stolz und kluger Ehrgeiz; wo man Unschuld sah,war es nur noch der von bessern Tagen her behaltene Scheinderselben! — O wohin sind Wahrheit und Aufrichtigkeit ent-flohen! Wie verderbt muß der größere Theil der Sterblichensein, daß sie es nicht mehr wagen, in ihrer eigenthümlichenGestalt aufzutreten!
Diese Klage wird oft geführt, und oft mit Recht! Es entstehtdaraus bei Vielen ein trauriges Mißtrauen gegen alle Menschen,auch gegen die wirklich guten. Es entsteht daraus ein Argwohn