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Glauben an die Wahrheit und Reinheit der Tugend entreißen,um desto vorwurfsfreier den Lastern zu huldigen.
Allerdings ist es wahr, daß die bürgerlichen und kirchlichenGesetze unter den verschiedenen Völkern, so wie deren Gebräucheund Sitten verschieden sind; daß bei den einen erlaubt semkann, was bei den andern unrecht heißt und ist. Diese Mannig-faltigkeit der Einrichtungen hängt zum Theil von der größernoder geringer» Geistesbildung der Nationen ab; zum Theil vonGewohnheiten, die den Völkern darum theuer sind, weil sieeinem hohen Alterthume entstammen; zum Theil vom Einflüssedes kälter» oder wärmer» Himmelsstriches auf die Bedürfnissedes Menschen und ihre besondere Gemüthsart. Wenn aber auchauf diese Weise einzelne Handlungen in Rücksicht ihrer Erlaubt-heit von Zeiten und Landessitten abhängen: so ist und bleibt dochdie Tugend selbst von ihnen unabhängig.
Denn in keinerlei Volk wird man denjenigen tugendhaftheißen, der nur das Erlaubte thut. Wer seine Aeltern undFreunde nicht mordet, wer seine Nachbarn nicht ihres Eigen-thums beraubt, wer den Befehlen der Obrigkeit gehorcht, thutzwar recht, weil er nichts Unerlaubtes tbat, aber von der Tugendkann er noch weit entfernt sein. Der Dieb im Kerker, wo er-sucht stiehlt, ist deswegen kein Wohlthäter der Menschheit. Wevdas nach Landessittcn und Gesetzen Verbotene thut, begeht eiwUnrecht. Insofern er cs geflissentlich und aus selbstsüchtigen-Absichten begeht, wird es Sünde. Denn obgleich diese Hand-lung in andern Ländern und Kirchen erlaubt sein mag, istdoch in allen Ländern und Kirchen und bei den rohesten wie beiden gebildetsten Völkern Sünde: den bestehenden Obrigkeitenund Ordnungen den Gehorsam zu verweigern. Jedem Sterb-lichen sagt sein Gewissen, daß er fehle, wenn er die zum Glückder menschlichen Gesellschaften eingeführten Ordnungen zerstört.Mag in diesen Ordnungen immerhin Willkürlichkeit herrschen;aber die Ehrfurcht vor dem Gesetze, unter welchem wir stehen,ist unwillkürlich nothwendig, von der Vernunft geboten, vor?Gott geheißen. Wenn dem Morgenländer sein Gesetz gebietet,den Wein zu meiden, und er trinkt denselben, und verachtet