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daher das Sittliche und Landesübliche mit der Tugend selbst ver-wechseln. Auch wahrhaft würdige Christen können in diesenJrrthum gerathen, wenn sie von den mannigfaltigen Umständenund Bedürfnissen der verschiedenen Nationen keine Kenntnißhaben, und daher Alles bei denselben für Sünde halten, wasnicht mit der. Sitten des eigenen Vaterlandes übereinstimmt.So kann ihnen die Vielweiberei des Morgenlandes verdammlich,die Nacktheit der Bewohner warmer Weltgegenden schamlos, dieEhe mit einer geschiedenen Person sündlich, die Vermählung vonGeschwisterkindern blutschänderisch, und manches Andere alsWirkung lasterhafter Gemüthsart erscheinen, was nach den beiihnen gewohnten landesüblichen Gebräuchen als verboten an-gesehen wird. Die Strenge ihres Urtheils quillt aus gutem, aberbeschränktem Sinn, und aus der Unkunde von Herkommen,Nothwendigkeiten und Verhältnissen anderer Völker. Diese,obgleich in ihren Handlungen von uns abweichend, können beidenselben eben so tugendhaft sein, wie wir. Sie haben zwarnicht unsere bürgerlichen und kirchlichen Einrichtungen, aber siehandeln denjenigen gemäß, die sie haben, folglich nach denselbengerecht; sie thun nichts Verbotenes, und was sie thun, kannmit inniger Liebe und Verehrung Gottes bestehen. Auch Petrus,der Jünger des Heilandes, stand lange in einem ähnlichen Jrr-thum. Er verachtete die Heiden; er wollte mit ihnen nichtsgemein haben. Als er aber seinen Jrrthum einsah, rief er aus:Nun erfahre ich mit der Wahrheit, daß Gott die Person nichtansieht, sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet und recht thut,der ist ihm angenehm! (Apostelgesch. 10, 34. 35.)
Weit gefährlicher aber, als dieser Jrrthum, ist ein anderer,der aus der gleichen Quelle stammt, und dennoch zum vollenGegentheil verführt. Es gibt nämlich Personen, und ihre Zahlist nicht gering, welche überhaupt an keine allgemein geltende,wahre, ewig sich gleichende Tugend glauben, sondern Alles,was man damit zu bezeichnen pflegt, für Sache der Umstände,und Frucht der Zeiten, Landessitten und der sich änderndenVorstellungen der Völker halten. Sie behaupten und sprechen:Es ist eigentlich nichts gut oder böse an sich und schlechterdings,