ertönen, draußen sich zur Verleumdung, zur Verachtung desNächsten, zu schadenfrohen Bemerkungen, zu Schmeichelei, zuLug und Trug öffnen können? Alles schemt im Tempel Gottesnur für Heiligkeit und Tugend, und in der wirklichen Welt nurfür Laster und Leidenschaften zu glühen; Alles im Tempel nurder Ewigkeit, und im wirklichen Leben dem Irdischen zu gehören.
Welch ein Widerspruch! Welch eine Täuschung unser selbstund Anderer! — Und doch ift's also; wer möchte es läugnen?
Fast jeder Mensch ist daher mit sich selbst in Zwietracht. Aneinen: Orte sündigt er; am andern bereut er. Zuletzt steht er da,unzufrieden mit sich selbst, und verzweifelt an der Möglichkeit, sovollkommen zu werden, wie Jesus Christus gefordert hat, wieGott es will, wie unser eigenes Gefühl uns sagt, daß wir seinsollten.
Dann beruhigt man sich, weil der Zustand innerer Zwietrachtunerträglich ist, mit allerlei Scheingründen. Man sagt: Der Geistist willig, aber das Fleisch ist schwach; >ms Wollen habe ich wohl,aber das Vollbringen fehlt mir. Es ist unmöglich, hier auf Erdenschon ein Heiliger zu werden. Jeder Mensch behält immerdarseine Schwäche. Gott kann doch nicht mehr verlangen, als derMensch zu leisten vermag. Es ist unmöglich, daß man unterallen Geschäften, Handlungen und Zerstreuungen, zu denen unsdas Leben in der gewöhnlichen Welt nöthigt, fortdauernd an denUmfang aller Pflichten denken kann, die uns von der Religiongeboten sind; es ist unmöglich, daß man im Umgänge mit denLeuten von verschiedener Art beständig zugleich an Gott undEwigkeit oder an Gelübde denken kann, die man gcchan hat! —Entweder müßte man seine eigene Natur verläugnen, und mittenin der Welt zun: Träumer werden, oder man müßte sich in einebeständige Einsamkeit flüchten, wo man nichts Anderes zu thunhätte, als sich mit Religion zu beschäftigen.
Solche Beruhigungsgründe sind bei den Menschen sehr ge-mein. Man hört dergleichen fast alle Tage, sobald das Gesprächauf diesen Gegenstand kommt. Man spricht sie aus, und fühltdoch wohl, daß sich damit auch der leichtsinnige und schlechteMensch eben so gut, als der wahrhaft redliche, entschuldigen oder