daß sie durch Religiosität und Tugend sich selbst einen höher»Werth verschaffen können; sondern sie glauben, es sei genuggethan, wenn sie sich durch ihre Sitten nur nicht anstößigmachen; wenn sie es nur dahin bringen, daß man sie in derbürgerlichen Gesellschaft duldet.
Nicht aus Ueberzeugung vom Bessern, sondern aus gemeinemEigennutz erweisen sie Andern wohl Gefälligkeiten, Freundschafts-dienste, um wieder bei Gelegenheit mit Aehnlichem vergolten zuwerden. Von wem sie nichts erwarten können, den lassen sicunbeglückt stehen. Sie thun Gutes, o freilich, sie beleidigennicht gern; aber ganz anders ist ihr Betragen gegen denSchwachen und Geringer», als gegen den Starken undAngesehenen. Sie handeln weniger aus edelm Gemüth, als ausFurcht. So schmeichelt auch das kleinere Thier dem stärkernund größern. Und wie jedes Thier den rohen Trieb hat, sich,wo es sein muß, furchtbar zu machen: so haben ihn auch dieseMenschen. Um gefürchtet und geehrt zu werden von Ihres-gleichen, streben sie nach Auszeichnungen, nach Gewalt und An-sehen auf mancherlei Wegen. Sie kriechen vor dem Mächtiger»und gehen stolz an dem Schwächer« vorüber. Und wie? istsolch ein Mensch des Namens Christi würdig? Wahrlich, nein.Er ist kein Mensch im vollen Sinne des Wortes; er ist nur einverfeinertes, klügeres Thier.
Wohl sind Andere, denen es um ihr Leben nach dem Todenicht gleichgültig ist. Sie wollen Religion haben; sie glaubenreligiös zu sein. Aber was ist ihr ganzes Christenthum? Uebensie die Vorschriften Jesu und seiner Jünger, Liebe, Versöhnung,Wohlthätigkeit, Edelmuth? Nein, von Allem nichts. IhreReligion ist nur Wortheiligkeit. Sie glauben genug gethan zuhaben, wenn sie nur bekannte Gebetsformeln regelmäßig und zubestimmten Zeiten hersageu; fleißig in die Kirche gehen, oderMessen anhören; den Gebrauch der Sakramente nicht unterlassenund ihr Glaubensbekenntniß behaupten. Haben sie nun, nachihrer verkehrten Meinung, Gott gegeben, was Gottes ist:dann sorgen sie um das Andere nicht mehr. Sie betrügen imHandel und Wandel ihre Mitmenschen; verfolgen ihren Feind;