machte ihm des Feindes Macht Besorgniß. Und er gelobte demHerrn ein Gelübde und sprach: Gibst du die Kinder Ammon inmeine Hand: was zu meiner Hausthür herausgeht, wenn ichmit Frieden wicderkomme von den Kindern Ammon, das solldes Herrn sein, und ich will es zum Brandopfer opfern.
Er ging, eroberte zwanzig Ortschaften Ammons und besiegtedie Feinde in großer Feldschlacht. Da er nun heimkehrte alsSieger, gedachte er seines Gelübdes. Wehe? und wie er zuden Seimgen kam, trat ihm aus seinem Hause entgegen seineTochter, sein einziges Kind, mit Pauken und Reigen, jubelndzum Empfang des siegreichen, zärtlich geliebten Vaters.
Da durchbebten ihn Entsetzen und Verzweiflung. Er zerrißM Schmerz seine Kleider. Ach, meine Tochter! schrie er: wiebeugst du mich und betrübest mich? — Nun war allgemeineTrauer in Israel. Mit ihren Gespielen trauerte die Jungfrauin der Einsamkeit des Gebirges zwei Monate, sich vorzubcreitenfür das väterliche Gelübde. Dann kam sie. Dann ward siedas traurige Opfer. Lange Zeit war es Gewohnheit, daß dieJungfrauen in Israel jährlich vier Tage den Opfertod der Toch-ter Jephthahs beklagten.
Welcher gefühlvolle Mensch konnte jemals Jephthahs Gelübdeund dessen schreckliche Erfüllung ohne Schaudern vernehmen?Wem mußte dabei nicht der Gedanke erwachen: konnte demGott der Barmherzigkeit und Liebe ein solches Gelübde angenehmsein? angenehm, daß ein Vater sein einziges Kind umbrachte? —Freilich, Gott wehrte nicht das Gelübde ab; er verhinderte auchnicht, daß die Tochter Jephthahs die erste war, welche aus ihresVaters Hause trat: aber daß Gott nicht das Unüberlegte, oderdie schrecklichen Folgen einer übereilten Handlung verhindert,beweiset keineswegs, daß er ein Wohlgefallen daran habe. Esbeweiset nur, daß Gott den freien Willen der Menschen nichtbeschränkt. Ohne diese Freiheit wäre ja keine Tugend möglich;wäre ja jeder Sterbliche ein todtes Werkzeug, wie der Stein,welcher aus sich selbst nicht handeln kann. Wozu gab Gott unsden Willen, wenn wir ihn nicht gebrauchen; wozu die Leuchtedes Verstandes, wenn wir sie nicht anwenden sollten? Wozu