290
sein?— Wehe, und welches Looses ist sie würdig? Was habe ich,so lange ich lebte, zur Veredlung dieses Geistes gethan, der un-sterblich sein soll? — dieses Geistes, der nur empfangen kann einSchicksal, dessen er würdig ist? — dieses Geistes, der GottesLangmuth bisher verachtete; der Gottes Gaben bisher dankbarempfing und genoß; der sich von Gott entfernte, in der Religionnur eine Zeremonie, in der Lehre Jesu nur eine lästige Sitten-lehre sah?
Dann ergreift ihn das schmerzliche Gefiihl, Sünder zu sein;dann das schreckliche Bewußtsein, Verbrecher an Gottes Majestätzu sein; dann die zerschmetternde Ueberzeugung: ich war es nichtwerth, daß der Schöpfer meiner gedachte und mich erschuf!
O, der ist unter allen Sterblichen der Elendeste, welcherseinen eigenen Werth verloren sieht; der es fühlt, daß er sichselbst verachten, sich selbst verdammen muß, auch wenn ihnMenschen noch ehren, die nur den Schein richten; der es fühlt,daß selbst Menschen, die bessern wenigstens, ihn verachten wür-den , wenn die Sünden seiner Gedanken, die Verbrechen, imDunkeln geübt, plötzlich klar und wahr, wie sie sind, an das. Tageslicht vor die Augen der Welt kämen; der es fühlt, daß er,von Sünden und Lastern bedeckt, nicht aufrichten darf das Antlitzzum Allerheiligsten, vor dem alles Unreine verschwinden muß.
Er erblickt über den Sternen den ernsten, ewigen, gerechtenVergelter. Er erblickt hinter den Nebeln des Grabes die zürnendeEwigkeit. Er erblickt hinter sich ein langes, verlornes Leben,eine unwiederkäufliche Reihe von Jahren, Wochen, Stunden,die alle den Gelüsten sinnlicher Neigungen, sinnlicher Antriebehingeopfert wurden; wo nichts für die Veredlung des Gemüths,nichts für die unsterbliche Seele und für ihr einstiges Loos ge-schah. Nun sieht er erblassend ein, daß er bisher nur vergebensgelebt hat; nun sieht er ein, daß die entsetzlichste aller Ver-schwendungen die Verschwendung einer Frist ist, die der Schöpferuns gab, uns für die Fortdauer jenseits der Todesstunde vorzu-bereiten. Ach, was hier verloren und verschweigt ward, dasist für die Ewigkeit verschweigt und verloren! Keine Machtruft das Vergangene zurück; kein Gott widerruft das Geschehene.