Dort sichle ich Bewunderung oft bis zum Entzücken; gegen michselbst hingegen nur Unzufriedenheit, oft zur Verachtung meinesganzen Wesens.
Will der Mensch seinen Ungeheuern Abstand von der Gott-heit recht erkennen, muß er nur Gottes Thaten sehen und danneinen Blick auf die eigenen werfen. Er wird fühlen, wie wenig,wie schlecht er ist, und wie weit noch von Vollendung und Gott-innigkeit entfernt, deren er doch nach allen seinen Anlagen fähigwäre, wenn er weife genug setn wollte.
Darin offenbart sich die verachtungswürdige Schwäche derSterblichen am besten, daß sie, uneinig mit sich selbst, immerdarzwischen dem Höchsten und Tiefsten schwanken, und nicht wissen,was sie ergreifen möchten. Lange leben sie so, als wäre keinGott in der Welt; als hätte kein Jesus gelehrt und geduldet;als wären die Gesetze der Tugend schaler Traum der Einbildungs-kraft; als wäre das Gewissen eine alberne Gewohnheit der Er-ziehung; als wäre dies Erdenleben ohne Ausgang, das Grabfür sie nicht vorhanden, und die richtende Ewigkeit ein Mähr-chen. — Dann wieder, ergriffen von der ehernen Gewalt derWahrheit, welcher sie umsonst widerstreben, oder zerschmettertvon der Außerordentlichkeit gewisser Ereignisse, liegen sie zer-malmt da, reuig, verzweiflungsvoll, hoffnungslos; sie verzagenan sich, als hätten sie keine Kräfte; überlassen sich mit ohn-mächtiger Ergebung dem Willen Gottes, als hinge von ihnenselbst nichts ab, um selig zu werden. Sie hoffen von Gott nurGnade ohne ihr Zuthun; Wohlgefallen bei ihm, ohne daß siesich darum durch das Nachahmen seiner Vollkommenheiten be-mühen ; sie erwarten vom Verdienst Jesu Alles, ohne den Versuchzu unternehmen, sich dessen würdig zu machen; sie flehen dieFürbitte der Engel und Menschen an, als wenn ihre Tugendennicht die schönsten Fürbitterinnen sein könnten. — Sie selbst, alsAeltern, Lehrer, Erzieher, würden das Kind verachten, welchesJahre lang in großer Ruchlosigkeit wandelte, und dann in einemwichtigen Augenblick des Lebens plötzlich durch Reue, Thränen,Bitten gleiche Vortheile gewinnen wollte, aller seiner Laster undUnvollkommenheiten ungeachtet, die der gerechte und gute Vater