Aber Fleisch und Blut müssen einst Staub und Asche werden;die Seele ist ewig allein und geht über das Grab hinaus, hühernBestimmungen entgegen. Das Ich, welches in mir denkt undwill, ist nicht Fleisch und Blut: es ist die wunderbare Kraft,welche über den Körper und den Staub herrschen soll, über de«es sich triumphirend erheben muß.
Folglich ist jede Sünde ein schreiender Widerspruch der mensch-lichen Natur. Die Seele, zur Herrschaft geboren, ist dadurchdienstbar dem elenden Staube, der einst abfällt und modert.Fleisch und Blut, die niedrigen Werkzeuge des Geistes in dieserWelt, regieren den Menschen, der sie regieren sollte. DieSünde macht den Menschen zum gemeinen Thier, das denbloßen Reizungen seines Körpers folgt.
Der Christ, durch Jesu Blut in die Gemeinschaft der Seligeneingeweiht, soll am wenigsten ein Sklave von seinen irdischenNeigungen und Lüsten sein; er soll sie beherrschen; sein Körpersoll der Sklave, sein Geist der Freie sein.
Die christliche Freiheit ist aber nichts Anderes, denn dieSelbstständigkeit unserer Seele und ihre Unabhängigkeit vonden sinnlichen Begierden. Nur der ist frei, der nach keinenfremden Gesetzen, sondern nach seinen eigenen Gesetzen, dasheißt, nach seinen besten Einsichten, handelt. Wenn wir nunwissen, was unanständig, fehlerhaft, lasterhaft sti, und wir thunes doch: so handeln und leben wir nicht als Freie, nach unfernGesetzen und besten Einsichten, sondern nach fremden, die wirverachten. Wir entsagen unserer Kindschaft zu Gott, und wer-den Knechte des Staubes.
Darum sollen wir nach Freiheit ringen, nach christlicherSelbstständigkeit, nach Hoheit über unsere Natur. Wir sollendem Reiz zur Sünde oder der Versuchung mit heldenmüthigemErnste widerstehen, und ihm nicht unterliegen.
Jeder Mensch aber wird versucht zur Sünde, und jedesAlter hat seine eigenen Versuchungen. Die Jugend wird durchihren Leichtsinn, das reifere Alter durch Leidenschaften und übleGewohnheiten, der Greis durch Mutlosigkeit, Schwäche undStolz versucht.