Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
221
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Werth hat dein ganzes Leben ohne Religion? Wozu-ist du, wenn für dich keine Vorsehung, keine Ewigkeit, keineVergeltung über den Sternen wohnt? Und was bist du ohnesie? Wahrlich, indem du jene Heiligthümer verlierst, hastdu deinen eigenen Werth verloren. Du lebst, und dein Daseinwird für dich selbst zum finstern Räthsel. Du lebst, aber keinhöheres Leben, als das Vieh, ohne zu wissen, wie dieses, woher,warum, wohin? Du lebst, um dich zu kleiden, zu beherbergen,zu speisen, zu trinken und zu sterben, und nicht mehr zu sein.Ist denn dies der Mühe werth, daß du das Licht der Westerblicktest, daß du deine Jugend unter Erlernung aller Vor-kenntnisse, deine Tage mit Arbeiten und Sorgen, dein Alter mitMühseligkeiten vollbrachtest? Prangt dafür dein Geist mit einerweit überschauenden Vernunft; bewahrt dafür dein Herz dieunüberwindliche Ehrfurcht vor Tugend und Seelengröße; be-wegen dich dafür in ernsten Stunden so tiefe Gefühle der Sehn-sucht nach dem edlern Sein, und Ahnungen, die nicht im Gewühl

des todten Lebens gesättigt werden können? --Welchen

Werth kann dein ganzes Dasein haben ohne Religion? Wäre esnicht oft besser, nie dagewesen zu fein, als bloß den Rang derhöhern Thiere anzunchmen, und nach dem vergeblichen Wechselvon Freuden und Schmerzen aus der Reihe der Dinge weg-zugehen und Andern Platz zu machen?

Was nun die Religion für das inenschliche Dasein überhauptist, daß sie demselben nämlich erst seine volle Bedeutung ertheilt,daß sie das Irdische mit dem Himmlischen, das Erschaffene mitdem Schöpfer, die vorüberfliegenden Minuten mit dem, waKewig bleibt, vermählt; daß sie dem Menschengeiste das höhereLeben gibt, dessen er durch seine Sinne fähig ist: das ist dieReligion auch für den einzelnen Lebenstag und für jede außer-ordentliche Handlung des Sterblichen.

Es ist nicht die Schuld der christlichen Kirche, daß du irrihren Feierlichkeiten nur das todte Außenwerk erblickst; es istdeines Leichtsinnes Schuld, wenn du nie den Sinn und hohnrGeist derselben begreifst. Dein Spott wahrlich kann sie nichttreffen, sondern klagt dich selbst vor der gebildeten Welt an.