Einer der gefährlichsten und doch gemeinsten Jrrthiimer istcs, wenn man sich bei sich selber über die noch beibehaltenenFehler dadurch zu trösten sucht, daß man doch auch manche löb-liche Eigenschaften besitze, welche äußern allfälligen Schwachheitenwohl das Gegengewicht halten. Welcher vernünftige Menschkann aber wohl im Ernst glauben, daß sich eine Sünde auf irgendeine Weise rechtfertigen lasse? Ist denn Sünde nicht immer einGebrechen der Seele, auch wenn diese übrigens noch so vielVorzüge besäße? Wenn dein ganzer Leib bis auf ein einzigeskrankes und schmerzhaft angegriffenes Glied gesund wäre: wür-dest du dich wegen deines übrigen Wohlbefindens für ganz gesundhalten? Würdest du damit den schadhaften Theil entschuldigen,und den Schmerz desselben weniger empfinden? Aber niehr nochals dies alles: welches sind denn deine löblichen Eigenschaften,welches deine Tugenden, die dir so viel Beruhigung gewähren?Du liebst Gott, aber du hassest deinen Bruder. Du bist wohl-thätig, gemeinnützig, aber gönnest dir auch wohl zuweilen un-erlaubte Vortheile, auf nicht ganz redliche Weise den Abgangdeines Vermögens wieder zu ergänzen. Du bist in Gesellschaftenliebenswürdig, gegen alle Welt dienstfertig und hilfreich, aberzu Hause lässest du deine unleidlichen Launen herrschen, undstiftest Gezanke an. Du thust im Stillen viel Gutes und ohneallen Ehrgeiz, aber im Stillen suchst du auch denjenigen herab-zusetzen und verächtlich zu machen, der dir etwa zuwider ist;oder im Stillen suchst du auch deine übrigen verbotenen Neigungenschändlich genug zu befriedigen. Kannst du dich so gröblichtäuschen mit der Hoffnung, daß diese deine Tugenden diesendeinen Sünden vor Gottes Gericht in der Wagschale das Gleich-gewicht halten werden? Kann der Dieb, habe er auch in allemAndern wirklich das beste Gemüth, durch Hinweisung auf diesesnur einen irdischen Richter bestechen, daß er ihn wegen desDiebstahls unbestraft entlasse?
Freue dich deiner einzelnen rühmlichen Eigenschaften undThatcn nicht, so lange dir die übrigen mangeln, denn du bistselbst in jenen nur unvollkommen. Man kann in keinereinzelnen Tugend vollkommen sein, so lange uns