obgleich die Eigenliebe ihnen dies sehr gern zuflüstert, und un-geachtet sie das wahre Innere derjenigen Leute gar nicht kennen,die sie etwa für schlechter zu halten geneigt sein möchten.
Zwar kommen dann auch wohl von Zeit zu Zeit die Stundender ernsten Selbstbetrachtung, wenn entweder schwere Schicksalesie heimsuchen, und sie keinen Trost mehr, als in Gott finden,oder wenn die Reue sie ergreift beim Anblicke des schwarzenGefolges mannigfaltiger Vergehungen; oder wenn sich auf ihremeigenen Krankenlager, oder am Sarge eines Geliebten, dieSchauer der Ewigkeit verkünden. Es kommen die Stunden,in welchen man fromme Gelübde zur Besserung thut, und sogarden glücklichen Anfang macht, herrschende Fehler in sich zubekämpfen, mit Feinden sich zu versöhnen, fremdes Gut, welchesunredlicher Weise zurückbchalten wurde, wieder zu erstatten,und Liebe gegen alle Welt zu äußern. Doch die verschwundeneGefahr, die geheilte Krankheit, der Sarg des Freundes wirdallmälig vergessen, je tiefer das alles in den Hintergrund derVergangenheit zurücktritt. Man wird ruhiger, endlich gleich-gültiger, und befindet sich zuletzt wieder in der vormaligen Sorg-losigkeit, in dem vormaligen Schwanken zwischen Gutem undBösem, und meint, das lasse sich nicht ändern.
Man erfindet sich dann mancherlei Trostgründe, die als eineArt Entschuldigung unserer Schwächen gelten sollen. Wir könnenauf Erden keine Heiligen sein, sagt man. Freilich das Gewissen,dieser unbestechliche Richter in unserer Brust, wird damit nichtberuhigt, sondern erwiedert ernst genug: Aber hast du es schonversucht, so heilig und gut zu sein, als du es in deinen Verhält-nissen wohl sein könntest? Hast du es anhaltend, Jahre lanzversucht? Kannst du vor Gott Rechenschaft ablegen von denAnstrengungen, die du zu dem Ende bis heute gemacht hast? —Das natürliche Verderben des Menschen, sagt man, ist zu groß?Aber ist Jesu Verdienst um die Menschheit nicht größer? Hastdu dir dies Verdienst schon zugeeignet in der Nachfolge Jesu undseiner Tugenden? Welcher aber solches nicht hat, sagt das gött-liche Wort, der ist blind, und tappet mit der Hand, und vergißtdie Reinigung seiner Sünden. (2. Petr, j, 9.)