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2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
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Schändlich ift's, solchen geistlichen Stolz, solche Einbildungvon unserm bessern Karakter zu haben. Gott, der Allwissende,weiß es, wie geringe Ursache wir haben, uns über irgend einenFehlbaren mit raschem Uebermuth zu erheben; wie sehr wir Grundhätten, zu zittern, wenn wir mit derselben Strenge und Lieb-losigkeit beurtheilt werden sollten, wie wir Andere richten!

Doch auch sehr oft rührt dieser Stolz aus Mangel an Wc!-t-und Menschenkenntnis her. So erstaunen wir oft, wie ein Menschsich habe in so hohem Grad vergessen, und sich eine solche Schuldhabe zur Last fallen lassen können, weil wir die Umstände nichtgenug kennen, die ihn dazu bewogen. Wir bilden uns ein, daßwir uns nie auf ähnliche Weise vergehen würden, weil wir nochnie in einer ähnlichen oder in der gleichen Lage waren, wie dervon uns getadelte Sünder.

Aber nichts macht uns zu schonenden Beurthcilungcn ge-neigter, als wenn wir vorher beim Anblick des Sünders oderseines Fehltritts fragen: Was brachte ihn zum Fall? Welchetraurige Verhältnisse trafen bei ihm in einer bösen Stunde zu-sammen, die ihm Ehre, Tugend und Rechtlichkeit verdunkelten?Wie, und wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, wenn dieVersuchung so gewaltsam mich bestürmt hätte, wie ihn, würdeich minder schwach gewesen sein, als er?

Gott hat uns Alle mit herrlichen Anlagen zu allem Gutenausgerüstet; aber wir haben auch Anlagen, Kräfte, Neigungenzum Bösen. Nicht alle diese Anlagen und Neigungen sind zu. jeder Zeit gleich lebhaft. In jedein Lebensalter scheinen sich die-selben zu verändern; einige derselben werden schwächer, anderewieder hervorstrebendcr. Viele schlummern in uns so lange, bissie plötzlich unter besondern Umständen erst laut und wach werden.Brüste sich daher Niemand mit seiner Tugend, die noch nie zumFall versucht worden ist. Glaube doch Niemand, es sei ihm' unmöglich, sich auf eben diese Weise, wie Dieser oder Jener,zu versündigen, so lange er selbst nicht in ähnlicher Lage war,ähnliche Anfechtungen erfuhr!

Fromme Hausmutter, sittsame Jungfrau, sei du nicht dieErste, welche den Stein aufhebt, ihn gegen die gefallene Sün-