-acht von uns entfernen zu können, daß wir im Geheimen ebenso sträflich sind.
In der That, wenn derjenige, welcher einige Weltcrfahrungund Menschenkenntniß besitzt, in einer Gesellschaft Urtheile überein fremdes Vergehen vernimmt, wird er sehr bald aus dem Eiferund Ton der Tadelnden erkennen, entweder daß sie sich schongleiches Vergehens einmal schuldig gemacht haben, oder nahe^aran waren, es zu begehen, aber noch durch irgend einen glück-lichen Umstand daran verhindert worden sind; oder daß sie sichnoch jetzt nicht ganz rein davon fühlen. In diesem Falle ist derTadler zugleich ein Heuchler. Er nimmt nur aus Klugheit dieMiene des geistlichen Stolzes und der Unschuld an, wozu er nichteinmal berechtigt ist. Er ist so sträflich, als der Andere, den erverurtheilt. Wie er seinen Nächsten mit Eifer richtet, sprich erDas Verdammungsurtheil über sich selbst.
Doch weg den Blick von diesen Tugendheuchlern! Sie habennoch nicht einmal das Zartgefühl und die Schamhaftigkeit derPharisäer. Diese traten in großer Verwirrung zurück, als JesuWort ihr Herz traf. Aber jene Scheinheiligen, um nur sich ver-dachtlos zu machen, würden mit Frechheit den Stein erhobenund ihn auf die Sünderin geschleudert haben, von deren Ver-gehungen sie sich selbst nicht ganz rein wußten.
Andere hingegen beurtheilen die Vergehen und Fehler desNächsten mit der lieblosesten Art, wo sie überzeugt sind, daß sieselbst kein Vorwurf treffen könne. Hier ist wahrhaft geist-lich e r S t o l z. Hier sagt jede Silbe des ausgesprochenen Tadels:„Ich danke Gott, daß ich nicht bin, wie dieser oderdiese da!" Es ist eine hochmüthige Freude darüber, daß wirbester sind in diesen oder jenen Stücken, als ein Anderer. Ach, inDresem Kitzel unseres Stolzes vergessen wir, daß wir von andernSeiten, in andern Fällen vielleicht noch viel strafbarer denken undhandeln; daß, wenn unser Inneres, die geheime Geschichte unsererGedanken, unserer unbekannten Handlungen, an das Tageslichtkommen sollten, wir voller Scham nicht die Welt mehr ansehen, unsnicht werth fühlen möchten, nur neben demjenigen zu stehen, den wirso hochmüthig verdammen, als wäre er unendlich schlechter als wir.