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Wohin sie in Gesellschaften kommen, fangen sie recht mit Wohl,gefallen immer wieder das Gespräch davon an; wissen immer eineBemerkung zu machen, eine neue Vermuthung hinzuzusetzcn. Siehören mit Vergnügen, wenn Andere in die Schärfe ihres Tadelsmit einsiimmen; hören sogar gern, wenn man ihnen über dieArt des Vergehens noch genauere Auskunft ertheilt, und sinddann geschäftig, die frischen Entdeckungen mit neuer Bitterkeit zudurchgehen und sie auch Andern bekannt zu machen, welche davonetwa noch nicht unterrichtet sein möchten.
Woher nun dieser Hang vieler, auch sonst guter Menschen,sich n.stt den Fehlern und Vergehen ihres Nächsten so gern zubeschäftigen? Woher dieser Hang, Andere um eines Fehltritteswillen so streng und lieblos zu beurtheilen? Woher dieser Hang,der nicht selten bei schlecht erzogenen, geschwätzigen Leuten iwKlatscherei, in Lästersucht und Verleumdungskitzel ausartet?
Ach, er hat manche Quelle! Auch der Neid ist schadenfroh,wenn er an dem Gegenstand, welchen er beneidet, eine Unvoll-kommenheit erblicken und bekannt machen kann. Auch die Rach-sucht ist fröhlich, wenn sie an einer verhaßten Person etwas Nach-theiliges erblickt, worüber sie spotten und mit einigem Scheineder Wahrheit und Gerechtigkeitsliebe ihren Zorn auslassen kann.Aber dieser Hang zu unglimpflichen Aeußerungen über Fehlbareist auch bei vielen Menschen herrschend, die weder aus Neid, nochaus Bosheit und Rache tadeln mögen. Er entspringt gewöhn-licherweise aus geistlichem Stolze, das heißt, aus allzu-lebhaftem Frohgefühle, daß man besser und sittlicher sei, alsder Tadelhafte, oder daß man doch besser scheinen möchtevor Andern.
Ja, die Erfahrung bezeugt es nur zu oft, daß wir, um fürbesser gehalten zu werden, als wir sind, gerade diejenigen Fehleram unbarmherzigsten bei Andern richten, deren wir uns im Ge-heimen selbst schuldig fühlen. Am unbarmherzigsten vielleicht,weil wir die Schändlichkeit dieses Vergehens besser als jedesandere kennen, und durch die Strenge unsers Tadels davonabzuschreckcn suchen. Oder vielleicht, weil wir, je härter undschonungsloser wir verdammen, nun hoffen, desto eher den Ver-