sollen, gleich wie er vollkommen ist; die Vollkommenheit aber istin der Liebe zu unfern Mitmenschen, daß wir nach allen KräftenGlück, Freude, Einsicht und Tugend jedes unserer Nächsten unter-stützen und befördern.
Und so ist die Furcht des Herrn der WeisheitAnfang. Ohne Gottesfurcht ist keine Tugend; ohne Tugendkeine Seelenruhe, kein Herzensglück. — O, der Gottesfurchtist unter den Menschen noch wenig, denn ich finde so wenigMenschenliebe! Sie lästern, höhnen und verspotten sich gegen-seitig; sie täuschen und betrügen, hassen und übervortheileneinander; sie rächen sich, schmeicheln und verachten sich abwech-selnd. Da ist keine Gottesfurcht, wo keine Menschenfreund-lichkeit vorhanden ist. Dies Gebot haben wir, daß, wer Gottliebet, auch seinen Müder liebe; und so Jemand spricht: ichliebe Gott, und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner. Dennwer seinen Bruder nicht liebet, den er sichet, wie kann derGott lieben, den er nicht siehet? (1. Joh. 4, 20. 21.)
Der Mangel zarter, liebender Ehrfurcht vor Gott offenbartsich alltäglich unter den Christen durch die thätigsten Beweise derGvttesvergessenheit. Wenn man in gewisse Gesellschaften tritt,in Gesellschaften, die auf feine Lebensart und guten Ton Anspruchmachen, und hört da, wie m:n das religiöse Heiligthum derSeelen belächelt, wie man bei dem Worte Gottesfurcht witzelt,.wie man in den Vorstellungen von Gott selbst recht artig zuscherzen sucht; oder, indem man die mangelhaften Vorstellungenmancher Christen von der Natur Gottes in das Lächerliche zieht,Gott endlich selbst zum Gegenstand eines belustigenden Einfallsmacht; — wenn man in Gesellschaften des gemeinen Mannesgeht, der aus Gewohnheit oder knechtischer Angst vor himm-lischer Strafe keinen Sonntag die Kirche verfehlt, und hört,wie da der heilige Name des höchsten Wesens in Fluchen undSchwören entweiht, bei groben Späßen und ekelhaften Zotenmißbraucht wird; — wenn man in die Gerichtssäle bürgerlicherObrigkeiten tritt, und hört da, wie der Richter ohne Ehrerbietung,mit unbegreiflichem Leichtsinn, den schauderhaften Eid zumAllgegenwärtigen ablesen läßt; wie ihn eben so leichtsinnig, um