' volle Liebe in den Gefühlen der Ehrerbietung, das ist nicht wahrechristliche Gottesfurcht.
Wenn der Mensch lange Zeit leichtsinnig dahin lebte, sichum Religion wenig bekümmerte, und nur klug, nicht frommwar, nur frohen Lebensgenuß, nicht Tugend suchte; dann plötz-lich durch ein Unglück gebeugt und erschreckt, oder durch Kränk-lichkeit des Körpers zu einer ängstlichen Schwermuth geneigtwird: so zittert er vor der Ungnade des lange vergessenen Gottes,und glaubt an keine Barmherzigkeit mehr und an keine Erlösung.Trübsinnige, schwärmerische, vom liebevollen Geist Jesu keines-wegs beseelte Lehren oder Schriften vermehren die Pein undVerzweiflung des leidenden Gemüths, und bereiten ihm in demGedanken an Gott, statt einen Himmel, eine Hölle. Das istheidnische Sorge, nicht christliche Gottesfurcht, denn in derGottesfurcht ist herzliche Gottesliebe. Wo aber Liebe ist, dawohnet keine Furcht, sondern sich ganz hingebendes, treuesVertrauen der Seele zu ihrem Schöpfer.
Je mehr wir in der Erkenntnis von Gottes Herrlichkeitwachsen, je Heller uns der Glanz aller seiner Vollkommenheitenwird: um so größer wird im Gemüth die ächte Gottesfurcht,das heißt, die sich in heiliger Ehrerbietung auflösende Liebe zuGott. Je reiner und wahrer aber die Furcht Gottes in uns lebt,um so stärker wird unser Vertrauen auf seine Weisheit, Machtund Erbarmung werden. Wer kann Vertrauen zu dein empfin-den, von dem er immerdar das Böseste befürchtet? wer seineZuversicht auf den setzen, von dem er das Schrecklichste besorgt?Vertrauen zu Gott setzt Erkenntnis seiner unendlichen Hulo vor-aus, voraus die Ucberzeugung, daß seine Barmherzigkeit undLiebe noch unendlich größer ist, als die größte Zahl unsererSünden. Solche Erkenntnis Gottes erfüllt uns mit der grenzen-losesten Ehrfurcht und Liebe. Die Liebe aber begeistert zu demstandhaftesten Gemüthe, wohlgefällig vor ihm zu wandeln undfeine Gebote zu halten, und seine Gebote sind nicht schwer.Denn wer da sagt: ich kenne Gott, und hält seine Gebote nicht,der ist ein Lügner, und in solchem ist keine Wahrheit. (1. Joh.L, 4.) Das aber ist sein Gebot, daß wir vollkommen werden