Bettlern Almosen, aber bedrängen Unglückliche, überlisten undübervortheilen diejenigen, welche mit ihnen zu thun haben, undmaßen sich fremdes Gut an.
Dies ist kein Christenthum, es ist boshafte Schändung desHeiligen. Nicht an ihrem Glaubensbekenntniß sollet ihr die-jenigen erkennen, spricht Jesus zu seinen Kindern, die mir an-gehören, sondern an ihren Früchten. Es werden nicht Alle,die Herr! Herr! zu mir sagen, in das Himmelreich kommen,sondern die den Willen thun meines Vaters imHimmel. (Matth. *7, 20. 21.)
Solche unrichtige und verderbliche Vorstellungen von deralleinseligmachenden Kraft des Glaubens und vom geringenWerth der Tugend entstehen theils aus dem Mißverständnisse'einzelner Stellen der heiligen Schrift, theils aus dem un-bedachtsamen Eifer solcher Lehrer, welche meinen, ohne Unter-laß nur von Dingen des Glaubens predigen zu muffen, umDen Verfall der Religion zu verhüten. Diese Kurzsichtigenerwägen nicht, daß tugendhafte Menschen geneigter sind zurReligion, als lasterhafte; erwägen nicht, daß, wenn sie dieMenschen durch gehörigen Unterricht und durch Auseinander-setzung ihrer Pflichten geneigt machen, den Willen Gottes zuüben, sie dieselben auch geneigt machen würden, den Glauben anJesum und sein Wort in sich zu erhöhen. Sie erwägen nicht,Daß Menschen, denen ihre Pflichten minder deutlich als die Lehr-sätze ihres Glaubens sind, jene endlich vernachlässigen, sich un-gehindert ihren Lüsten und Ausschweifungen überlassen, undzuletzt, indem ihnen alles Heilige gleichgültig werden muß, auchihren tobten Glauben verspotten, sammt denen, die ihn infrommer Einfalt lehrten.
Erstaunt daher nicht über den Verfall der Religion oder desGlaubens in euern Städten und Dörfern. Er rührt, besondersin den untern Volksklaffen, weniger von der vermeinten Auf-klärung her, als aus dem Verfall der Sitten und aus der Ruch-losigkeit des Herzens. Denn so wie ohne Glauben keine wahreTugend möglich ist, so ist ohne vollkommene RechtschaffenheidDes Gemüths kein wahrer Glaube möglich.