Druckschrift 
2 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
74
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Und endlich, was ist's mit aller deiner Tugend? Wie,Stolzer, wähnst du fähig zu sein, durch gute Werke den Himmelzu erkaufen, und durch eigenes Verdienst deine künftige Selig-keit zu gewinnen? Armer Sterblicher! Du, dessen Kinder-jahre unter tausend Thorheiten verschwanden; dessen reiferesAlter von tausend ungestümen Leidenschaften verzehrt, von tau-send Fehlern befleckt ward; dessen graues Haar endlich dieSchwachheit späterer Jahre mit Ruhmlosigkeit bedeckte darfstLu mit deiner Tugend vor dem Richter des Lebens prangen?dich vor dem Allerheiligsten, vor dem nichts rein ist, irgend einesVerdienstes rühmen? Warst du immerdar von Sünden rein?Hast du nie Verzeihung und Gnade vonnöthen?

Nicht durch unser Verdienst, nicht durch unsere TugenSkönnen wir vor Gott bestehen sondern nur durch die Gnadedeö Barmherzigen. Nicht unsere Sündenlosigkeit macht uns selig,sondern der Glaube an Jesum, der Glaube an seine Offenbarun-gen, der Glaube an das Erbarmen des Vaters im Himmel.

Auf, auf, mein Geist! an diesem Glauben halte dich; er istes, der deine Tugend stärkt; er ist es, der sie bewahrt; er ist cs,der dich heiligt; er ist es, der dich selig macht. Nur durch denGlauben erst ist die rechte Seelenhoheit möglich, und ohne ihnkeine»

Du selbst, Jesus, mein göttlicher Erretter, Du selbst sagtestdies:Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke thun, dieich thue." (Joh. 14, 14.) Wer könnte, ohne Glauben an Dich,die Seelenhoheit gewinnen, die Dein Dasein verherrlichte?

Hinweg, eitler Tugendstoiz, thörichtes Vertrauen auf eigeneLraft, ich erkenne eure Nichtigkeit! Und wäre ich von allenSterblichen der edelste und beste, dennoch wäre ich vor Gott ohneVerdienst und Gerechtigkeit, und ein unheiligcs Wesen, welchesvor dem Allerheiligsten verschwinden muß. Hinweg, falscherWahn, daß mich meine Tugend allein in bangen Stunden be-ruhigen werde, wo Welt und Menschheit mich trostlos verlassen?Ach, was ist doch die Tugend der Sterblichen? Ein schwachesRohr, im Winde wankend. Zehn Fehler sind begangen, ehe ichzu einer gottgefälligen That Muth fasse.