46
und gedankenreich, zu gleicher Zeit aber kurz sein. Nicht dieMenge der Worte, sondern die Inbrunst, mit welcher sicempfunden werden, ist Gebet.
In Ermangelung eines solchen Andachtsbuchs, wenn nuneinmal das Auswendiggelernte hergesprochen werden muß, ist esbesser, eine kurze Mahnung zur Andacht und zum stillen Gebet,als das Gebet selbst auszusprechcn. Dieses überlasse man dannJeglichem für sich in des Herzens Stille. Ein Seufzer zu Gott,ein ehrfurchtvoller Gedanke an ihn, ist Gebet. Es beten gleichden Heiden, spricht Jesus, welche viel daher plappern, undmeinen, sie werden erhöret, wenn sie viele Worte machen.(Matth. 6, 7.)
Ein bloßer Mahnspruch zur Andacht, und würde er auchnicht von Jedem mit Andacht gesprochen und gehört, ist keineEntweihung des Gebets, keine Verletzung unserer dem höchstenWesen schuldigen Ehrfurcht. Und wenn ihn in der Zerstreuungund Ermüdung von Tagsgeschäften mancher unserer Hausgenossenüberhört — vielleicht erweckt er doch ein Gemüth unter ihnen.Der Zweck ist erfüllt, und die heiligste Handlung des Menschennicht entheiliget.
Ein solcher frommer Mahnspruch wäre zum Beispiel ineiner christlichen Familie am Morgen: „Unser erster Gedankesei Gott, der Vater voller Erbarmen, welcher uns das Lichtdes Tages wieder sehen läßt! Unsere erste Zuflucht sei derHerr, der die Schicksale kennt und leitet, welche uns diesenTag treffen sollen! Er wird auch heute uns nicht verlassen,noch versäumen, denn er ist unser Gott. Empfehlet ihm euerHeil, und wandelt vor seinem Angesicht mit Liebe und Tugendin Jesu Geist: so ist der Allmächtige mit euch auf eurerLebensbahn!"
Oder statt des Tischgebetes die Erinnerung: „GedenketGottes, denn er ist gnädig! Gedenket Gottes, er gibt Leben,Gesundheit und Nahrung ! — Seine Güte hat kein Aufhören.Darum danket ihm in euerm Gemüthe. Seid barmhcrziaund hilfreich, wie er ist! — Aber der arme Mensch hat nicht,womit er Gott vergelten konnte; und was wir ihm opfern