Daher kann aber auch der Mensch nicht zu allen Stundendes Tages, wie man zu sagen gewohnt ist, der Andacht pflegen;auch die gemeinen Geschäfte des häuslichen und bürgerlichenLebens verlangen Aufmerksamkeit. Es gibt mancherlei Ver-richtungen, zur Erhaltung unserer Gesundheit, zur Beförderungunsers Hausglücks, Geschäfte des Berufes und der Geistesthätig-keit die nicht mit Zerstreuung abgclhan werden können. Thörichtwäre es, bei solchen Dingen Erhebung des Gcmüths zu fordern;heuchlerisch aber ist es, bei denselben wirklich einen frömmelndenTon, ein beterisches Kopfhängen, ein feierlich ernstes Wesenanzunehmen. Alles hat seine Zeit; aber daß man Alles zurechter Zeit thuc, und zu jeder Zeit der Rechte sei, dies istdes Christenthums Grundgebot! Freuet euch mit den Fröhlichen,weinet mit den Traurigen! Wer zu jeder Zeit Alles zugleich seinwill, wird Alles nur halb und mangelhaft verrichten.
Willst du aber in einer Tagesstunde dich mit heiligen Dingenbeschäftigen; dann geschehe es mit dem Ernst, welcher dem Wich-tigsten auf Erden gebührt, und die wunderbaren Wirkungen derAndacht auf dein Herz, und der Einflluß der heiligen Stunde, deseinzig heiligen Augenblicks, auf alle nachfolgende im Weltgeräuscheverlebten Stunden, wird nicht fehlen. Gleichwie im Frühlingein sanfter Regenschauer am Morgen oder ein Thau die Naturfür den ganzen Tag erquickt und erfrischt, so stärkt die Stundeder Andacht das Herz des Menschen für eine lange Reihe andererBegebenheiten, Entschlüsse und Handlungen. Es möge nachherdas Erfreuliche oder das Schreckhafte folgen — das Gemüth wirdnoch immer eine gewisse Erhabenheit über beides behaupten. Ja,die dadurch bewirkte Scelcnstimmung wird sich sogar in unbedeuten-den Gesprächen und mitten unter unfern Scherzen mit Freudennoch fühlbar machen. Andachtvolle Beschäftigung mit göttlichenDingen ist Erhebung des Gemüths zum Erhabensten. Da istAbgezogenheit vom Irdischen; da schweigen die Leidenschaftenniederer Art. Wer öfters mit Gott umgeht, wird dadurch selbstgöttlicher, und ein erhabener Mensch. Es verdrießt ihn das Ge-fühl des Mangelhaften, der Anblick des Ungerechten. Die höhereStimmung wird in ihm gewissermaßen durch Gewohnheit bleiben-