Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
386
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(Luk. 10, 36. 37.) Gehe hin, und werde in deiner Religion,wie er ist, und thue ihm gleich.

Die Verschiedenheit religiöser Meinungen und Begriffe hatoft eben so viel Uebels gestiftet, als die Meinungsverschiedenheitin politischen Angelegenheiten. Demungeachtet müssen wiegestehen, daß wir auch sehr wohl Freunde derjenigen seinkönnen, welche in politischen Meinungen von uns abweichen:warum denn sollten wir nicht die Freunde, die Brüder, dieVertrauten derjenigen werden, die einem andern Glaubensbegriffezugethan sind?

Frage nicht im Umgänge mit deinem Nächsten nach denReligionsartikeln des Mannes, sondern nach der Gemüthsartund nach den Thaten des Mannes. Erinnere dich, daß dieHauptstücke deines Glaubens auch die Hauptstücke des seinigensind; erinnere dich, daß der Christ überall, von welchem Volkeer auch sei, zu welcher Kirche und zu welcher Sekte er auchgehöre, mit dir an Gott glaubt, und Gottes Kind sein will mitdir, und mit dir auf gleiche Ewigkeit hofft!

Verachte Niemanden seiner Religion willen;denn seine Religion ist für ihn eine Wahrheit, durchdie er selig ist, eine Ueberzeugung, die er von sei-nen Vätern erbte, wie du die deinige ererbt hast.Wie er durch sie hienieden tugendhaft, liebevoll, gemeinnützig,redlich, wahrhaftig, barmherzig und zu allem Guten fähig ist,so sei sein Glaube eine Quelle des Segens für ihn und für diemenschliche Gesellschaft. Der fromme Heide, der tugendhafteJude ist ehrwürdiger und vor Gott angenehmer, als der Christ,welcher in Wollust, Ehebruch, Betrügerei, Haß und Zank, inUnbarmherzigkeit und Schadenfreude lebt.

Verachte Niemanden der Religion willen, der er getreubleibt; er bleibt den Uebcrzeugungen getreu, die er von seinenVätern ererbte, den Uebcrzeugungen getreu, die seinem Herzenwohlthun. Die Wahrheiten, die er verehrt, sind sein Stab,wenn er wankt, sein Anker im Sturm. Einst, wenn der Traumdes Lebens entflohen ist; einst, wenn der Tod uns die Geheim-nisse der Ewigkeit entschleiert hat, wenn unser Geist verklärt