Religionen auf Erden nicht mit Zulassung, nicht selbst mit demWillen Gottes? — Warum Mitleiden und Verachtung? Sindj-ene Völker, die in einem andern Glauben, als du, geboren underzogen sind, verächtlich oder verdammungswürdig, weil sie nieGelegenheit hatten, den Glauben, welchen du Haft, kennen zulernen?
Von jeher, seit Völker den Erdball bewohnen, waren auchunter ihnen verschiedene Religionen. Wie konnte es anderssein? — Ihre Wohnplätze und Himmelsstriche, ihre Gebräucheund Gesetze, ihre Nahrungen und Sprachen, ihre Gewerbe undKenntnisse waren von jeher so außerordentlich von einander ver-schieden , daß auch in der Art ihrer Erkenntniß und VerehrungGottes unmöglich vollkommene Uebereinstimmung sein konnte.
Ja, was sage ich? selbst unter den Christen, wenn wirstrenge beobachten wollen, noch mehr — unter Bekennern einerund derselben Glaubenslehre, unter den Mitgliedern einer undderselben Kirche, ist die Religion eines Menschen nicht voll-kommen gleich der Religion des andern. Mögen auch Alle einerleiGebete sprechen, einerlei Glaubensbekenntnisse erlernen, einerleiGottesdienst haben, einerlei kirchliche Gebräuche begehen, istdoch das Gebet, der Glaube, der Gottesdienst und Gebrauchdes Einen von dem des Andern unterschieden. Sie könnennicht alle von der gleichen Art sein; denn jeder Mensch hat nachMaßgabe seiner Geisteskräfte, seiner Erkenntniß, seines Tem-peraments, andere Vorstellungen, die er mit den Worten desGebets, des Glaubens, des Gottesdienstes, und mit den äußernGebräuchen verknüpft. Noch mehr! — jeder einzelne Menschändert mit den Jahren seine eigenen Religionsbegriffe so un-vermerkt, je nachdem sich seine Erkenntnisse, seine Erfahrungenerweitern und verändern, daß er zuletzt als Jüngling eine andereReligion, das heißt, einen andern Glauben, denn vorher in derKindheit, und daß er als Mann und Greis wieder einen andernGlauben in seinem Herzen trägt, als derjenige war, mit welchemer einst als Jüngling zu den Altären getreten ist. Denn nichtdas Aeußere und dieZeichen und Zeremonien der Kirche,sondern das Innere, und was wir uns davon denken, ist die