Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
352
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Die meisten Menschen sind nicht sowohl lasterhaft und der SündeFreunde, als sie vielmehr schwach sind, dem wankenden Rohrgleich, welches der Wind hin und her bewegt. Wäre der größteTheil der Sterblichen von je her eines durchaus verdorbenenHerzens gewesen: die Welt wäre längst ausgestorben; das mensch-liche Geschlecht würde sich im Uebermaße der Laster und Ver-brechen selbst ausgerottet haben. Aber in Allen: hält noch dasGute dem Bösen, und selbst im Schlechtesten der Menschenirgend eine löbliche Eigenschaft den vielen verbrecherischenNeigungen das Gewicht.

Aber, so wenig man im Allgemeinen sagen kann, die Mensch-heit sei durchaus verschlechtert, zu allem Guten unfähig, vonNatur aus lasterhaft und böswillig: eben so wenig kann inanim Allgemeinen behaupten, die meisten Menschen seien für dasGute und Edle entflammt, tugendhaft, rechtschaffen. Nein, sieerheben sich nicht über das Gewöhnliche. Sie meiden gewöhnlichnur das Böse um der Übeln Folgen willen, und sind des GutenFreunde, so lange die Tugend keine allzuschweren Opfer vonihnen verlangt. So sehr man sich im gemeinen Leben fürchtet,für schlechter als Andere gehalten zu werden, eine eben so großeScheu scheint Jedermann zu empfinden, besser, tugendhafter,cdelmüthiger zu sein, als Andere. Man findet das Gewöhnlicheam bequemsten, darum wird es geliebt. Man will jede Aus-zeichnung, im Bösen wie im Guten, vermeiden, um wederAbscheu noch Bencidung zu erfahren. So bleibt Alles in derschwankenden, alltäglichen Mittelmäßigkeit, ohne grobe Ver-gehungen, aber auch ohne Willen, ohne Kraft zu erhabenen,christlichen Handlungen.

Und wenn ich mich selbst prüfe was muß ich wahrnehmcn?Bin ich nicht auch einer von denen, die ihre ganz? Klugheit