Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
346
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Selbstsucht ist das Gift, welches fressend die heiligsten Bandedes Bluts und der Freundschaft im Innern einer Familie zerstört,wo nur Jeder für sich, Keiner für Alle bedacht ist; ist das Gift,welches die Glieder der Gemeinden und des ganzen Staatskörpersvon einander scheidet, und die alten» Bande löset, die AllesZusammenhalten sollen. Eigennützig stehen die Diener des Fürstenum den Thron, und arbeiten für ihren, nicht für des LandesWohlstand; arbeiten für ihren, nicht für des Vaterlandes Ruhm.Wenn nur sie geborgen sind, trösten sie sich um das Unglück vonMillionen Anderer. Selbstsucht verführt d-ie Großen, daß sieanßer ihrer Leidenschaft nichts Wichtigeres kennen; sie erhebenden Schmeichler, und lassen den geistvollem Mann, der da helfenkönnte, im Staube. Selbstsucht macht verjährte Vorurtheilenoch immer zu Grundsäulen des Staats, und verachtet, wasdem Vaterland allein Größe und Glanz ehemals verliehen dieWeisheit, die Kraft hellschender Geister, die sich selbst aufopferndeGemeinnützigkeit. Selbstsucht und Eifersucht trennt die Ge-meinden von Gemeinden, macht die Kluft von den verschiedenenStänden immer größer, unterhält die Flamme des gegenseitigenHasses, und entzweiet die Einwohner eines und desselben Ortes.Eigennutz macht die Familien gleichgültig gegen die Ehre und denGlanz des Vaterlandes und der Gemeinde. Nicht Einer sorgtfür Alle, nicht Alle sorgen für Einen. Unempfindlich ist mangegen das öffentliche Unglück, wenn es nur nicht unser eigener,unmittelbarer Schade ist. Empfindlich klagen Alle, wenn großeAufopferungen zurRettung oder Ehre des Ganzen verlangt werden.

Jst's ein Wunder, daß große Staaten zerfallen, wenn derEigennutz der Einzelnen alle Säulen des Staats untergräbt, wenndie Selbstsucht alle Glieder desselben feindselig auseinander treibt?Jst's ein Wunder, wenn Städte, sonst angesehen, wohlhabend,glänzend, allmälig verderben, wenn sie nicht mehr eine einzigegroße Familie, sondern gleichsam eben so viele selbstsüchtigeEinsiedler beherbergen, als Bürger? Jst's ein Wunder, wennweiland blühende Geschlechter untersinkcn, weil die Verwandtensich aus Eigennutz von einander trennen, der Verarmten sichschämen, oder den Beglückten elenderweise beneiden?