. 343
haben, daß Andere hätten sein sollen. Behandle jetzt die Jüngernmit derjenigen Sorgfalt, Liebe und Schonung, wie du als Kindqewünscht Haft, behandelt worden zu sein. Beweise nun als Vor-gesetzter, als Beamter die Pflichttreue, den Geschäftseifer, diesanfte Menschlichkeit, die Unbestechlichkeit, den redlichen Sinn,die Dcmuth, welche du sonst gern von Andern zu sehen begehrtest.Du tadeltest ehemals des Einen Hochmuth, des Andern Leicht-sinn, des Dritten Ränkesucht, des Vierten gewaltthätiges Wesen.Siehe, welcher Fehler dich nun auch beflecken möge, er wird nundoppelt strafbar an dir, und Andere richten dich. Sie ehren viel-leicht dein Amt, aber haben Verachtung gegen deine Person;erweisen dir die äußerliche Ehrerbietung, und verschmähen dich inihrem Gemüthe. Setze dich in Gedanken einmal in den Fall,daß du deiner Stellen beraubt, deiner jetzigen Würde entkleidetwürdest; daß du deinen Wohlstand verloren hättest, und Andereum die Dienste ansprechen müßtest, welche du jetzt selbst zuerzeugen im Stande bist: was würde dirsin solchem Augenblickvon der Gefälligkeit, von der Ehrerbietung der Leute übrig bleiben,die sie jetzt dir noch deiner äußern Verhältnisse wegen beweisen?Würdest du auch als bloßer Mensch noch etwas bei ihnen gelten,und allgemeine Achtung und Liebe finden?
Nie, o himmlischer Vater, nie laß mich das vergessen, undmich nicht selbst verblenden für das, was ich werth bin, undwozu ich gegen Hohe und Niedere, wie gegen Meinesgleichen,Verpflichtet bin. Alle sind sie Deine Kinder, Alle haben sie vonDir ihre besondern Vorzüge, Rechte und Gaben empfangen. Allesollen wir unter einander uns dienen, und Einer des AndernLast tragen helfen, daß wir das Gesetz Christi erfüllen! Dazusind Thronen und Bettlcrstäbe, Altar und Pflug, Paläste undHütten, Würden und Geistesgaben vertheilt, daß wir damitVollkommenheiten erwerben, die uns jenseits ein schöneres Looszufichcrn. Nur der Gerechte ist Dir der Vorzüglichere. O daß ichFeiner der Unwürdigsten in Deinem heiligen Reiche würde! Amen.