Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
330
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Thaten derjenigen Männer vor unser Gericht zu ziehen wagen,welche entfernt von uns wohnen, welche durch tausendfach ver-schiedene uns unbekannte Verhältnisse zu Maßregeln genöthiqt wer-den, welche die mannigfaltigen Gründe ihrer Entschließungen oftaus Klugheit geheim halten müssen! Wer fühlt es nicht, wiethöricht die Anmaßung sei, Obrigkeiten den Weg vorzuzeichnen,welchen sie einzuschlagen haben, da sie auf erhabenern Stand-punkten das Gesammte in allen Theilen und Bedürfnissen leichterüberschauen können, als wir auf Sen niedrigen , untergeordnetenStufen? da sie in ihren Geschäften durch beständigen Umgangmit denselben, durch vielfache tägliche Erfahrungen uns an Kennt-niß der Dinge und ihrer zweckmäßigen Behandlung nochwendigüberlegen sein müssen? da sie, von den geübtesten, weisesten,sachkundigsten Männern umringt, für jeden besondern Fall denbesten Rath ohne Mühe einziehen können?

Es ist zweifelhaft, ob mehr thörichter Eigendünkel oder mehrunbesonnene Unwissenheit diejenigen leitet, welche sich zu Rich-tern der Fürsten, zu Beurtheilern der Obrigkeiten aufzuwerfenGelüst haben. Aber aus dem Munde des ächten Weistn wirstdu niemals diese Sprache der Unbescheidenheit vernehmen. DerChrist wird im Bewußtsein der Unzulänglichkeit seiner Einsichtengern bekennen: Ich wage nicht abzusprechcn, wo mir die Gründeund Veranlassungen zu dieser oder jener Maßregel Geheimnissesind; ich wage nicht zu verdammen, wo ich überzeugt bin, daß,von einem hohen Standpunkt herab betrachtet, Vieles anderserscheinen muß, als es der einzelne, in der Tiefe wohnende Menschansehen kann. Nie können wir vorherwissen, ob die Obrigkeitenwirklich fehlen; ja selbst wenn die Folgen ihrer Handlungen aufdieselben einen Schatten werfen, ist noch die Frage unentschieden:ob sie gezwungen waren, so und auf keine andere Weise zu thun.

Mit dieser einem Jünger Jesu so anständigen Bescheiden-heit verbindet sich im Urtheil über die Weltbegebenheiten auchV o rsichtigkeit.

Ich darf bei allen meinen Gesprächen nicht vergessen: WelcheWirkungen können meine Worte bei Diesem oder Jenem Hervor-bringen? Ist es nicht leicht möglich, daß ich Diesem oder Jenem