unserer Gesinnungen abgibt: so ist es dem Christen, dem weisenJünger des Heilandes keineswegs gleichgültig, ob er auch selbstrichtig urtheilt; ob er sich vielleicht durch die allgemeine Stim-mung, oder durch besondere Widerwärtigkeiten, die seine Personbetrafen, nicht bestechen und auf einen falschen Gesichtspunktführen ließ. — Jeder prüfe sich und sein Urtheil daher selbst; ertrete in die heitere Stille und Einsamkeit und überlege: Warumklagen wir so gern über die bösen Zeiten? Sind sie wirklichschlimmer, als sie ehemals waren? Haben wir gerechten Grund,mit der heutigen Welt unzufrieden zu sein?
Wenn wir darauf sehen, was viele Menschen zum Klagen reizt:so sind es oft ganz verschiedene Ursachen, welche sie dazu bewegen.
Einige seufzen über den Verfall des öffentlichen und besondernWohlstandes; über den Mangel an Erwerb und Verdienst; überdie Lähmung des Handels durch fortdauernde, verderbliche Kriege;über die Beschwerlichkeit und Mühe, welche der rechtschaffeneHausvater anzuwenden habe, sich und die lieben Seinigen an-ständig zu ernähren, und wie man im gemeinen Leben zu sagenpflegt, durchzubringen.
Da hört man oft von Bejahrten die guten alten Zeiten prei-sen ; wie da Jedermann sein Auskommen in aller Gemächlichkeitgefunden; wie da nicht nur die nothwendigsten Lebensbedürfnisse,sondern auch vieles Andere, was zur Bequemlichkeit, zum Ver-gnügen und zum Genüsse gehörte, wohlfeil erhalten werden konnte.
Man vernimmt von Andern die Schreckensberichte der Kriegeund ihre fürchterlichen Folgen; hört, wie Städte und Länder ihrerRechtsame beraubt, ausgeplündert und verwüstet wurden; hört,wie an vielen Orten die Unterthanen von unerschwinglichen Lastenund Auflagen niedergedrückt sind, und wie das alles sonst nichtso war, auch künftig nicht wieder so zurückkommen wird.
Allerdings sind viele, ja vielleicht alle diese Klagen leider nurzu wahr. Allein wir müssen gerecht in der Klage sein; wir müssensie nicht übertreiben. Wir haben kein Recht, zu behaupten, daßdas Elend, welches einzelne Gegenden vorzüglich betroffen hat,allgemein sei; daß nicht das, was wir bessere Zeiten nennen, einstzurückkchren werde; daß Alles ehemals besser gewesen sei.