Stand, jedes Gewerbe seine Angelegenheiten und seine Mitgliederbehandelt haben will.
Wohl ist dieses Ehrgefühl löblich zu nennen, weil es ursprüng-lich darum hervorgerufen wurde, damit Keiner durch unwürdigeHandlungen seinen Stand, sein Gewerbe schände. Die Ehre istüberall das kräftigste Hilfsmittel der Tugend gewesen, und ersetztwohl oft bei ganz sinnlichen Menschen die Stelle derselben. Sowie die Tugend zuletzt in unserer Brust eine Achtung gegen unsselbst erzeugt, daß wir uns nie unter uns selbst erniedrigen mögen:so bewirkt ein Aehnliches das Ehrgefühl. Nur achtet das Ehr-gefühl mehr auf das Urtheil der Menschen, die Tugend aber mehrauf das Urtheil des innern Richters und Gottes. Daher ist dieTugend immer in allen Jahrtausenden, in allen Ländern diegleiche Tugend gewesen; aber das Ehrgefühl und die Ehre sindverschieden und abändernd nach den verschiedenen Ländern, undwie die Zeiten und Sitten anders werden.
Das Ehrgefühl, als Hilfsmittel in den Händen der Tugend,ist eines der kräftigsten, den Menschen vor schlechten und ver-werflichen Handlungen zu bewahren, und zu großen, gutenGesinnungen und Thaten zu begeistern. Löblich ist es daher,wenn es nicht nur den einzelnen Menschen in seinem Lebens-wandel begeistern hilft, sondern wenn es auch die Mitgliedereiner ganzen Genossenschaft, eines Landes, einer Stadt, einesStandes, eines Gewerbes beseelt, daß der Verein Aller nichtdurch eine unwürdige Handlung entweiht werde.
Aber dies Hilfsmittel, ohne Vorsicht angewandt, entartetleicht, und verwandelt sich in feindseligen Stolz, wenn es denGlanz der Genossenschaft nicht in der Vermehrung ihres innernWcrthes, sondern in der Verminderung des Ansehens vonAndern zu bewirken trachtet. So entsteht, statt rühmlicherNebenbuhlern in allem Edeln und Schönen, ein leeres Prunken,ein Nebensichverachten alles Uebrigen. So entsteht, statt deshohen Vaterlandsgefühls, verderblicher Nationalhaß; statt desWetteiferns der Stände zum Wohls des Staates, eine klein-liche Ruhmredigkeit, gegenseitige Herabsetzung, und innereZwietracht.