289
findet man noch jetzt fast in allen Landern bei Handwerkern undKünstlern die meiste Verständigkeit und Gottesfurcht neben Ein-falt und strengen Sitten. Man betrachtet ste als die wahreKraft des Staats. Gleich weit entfernt von bäurischer Rohheitund den Ausschweifungen des müßiggehenden Neichthums ist betihnen die meiste Tugend, Rechtlichkeit, Arbeitsamkeit und Vater-landsliebe gleichsam einheimisch.
Auch war es aus diesem Mittelstände, aus welchem JesusChristus am liebsten seine ersten Schüler wählte. Hier fand erden unverdorbensten Sinn für Wahrheit und Frömmigkeit; erkannte den Eigendünkel, den stolzen Uebcrmuth und den Leicht-sinn der Großen, wie den Aberglauben und die Verwahrlosungdes Verstandes und Herzens der Niedrigsten im Volk. Wirwissen, daß Petrus ein Fischer, Lukas ein Arzt war, daß PaulusTeppiche wirkte. Nur der Handwerker und Künstler ist durchsich selbst ein freier, unabhängiger Mann; aber Unabhängigkeitist eine der wichtigsten Bedingungen, unter allen äußern Schick-salen rechtschaffen zu bleiben. Der verstümmelte Krieger, derverstoßene Fürst, der um fein Vermögen betrogene Reiche, müsseneben so gut von der Gnade Anderer leben, als der seines Ackers !>'
und seiner Viehheerden beraubte Hirt und Landmann, währendder Handwerker aller Orten durch seine Geschicklichkeit Brod 1,
findet, und mit geringer»» Aufwande die dazu nöthigen Werk-zeuge und Mittel herbeischaffen kann.
Alle diese Vorzüge, welche der Natur dieses ehrenvollen undglücklichen Standes eigen sind, machen ihn für das irdische Lebenzu einem der nützlichsten und für das innere, christliche Leben zueinem der vortheilhastesten. Er führt an den Gefahren desReichthums und der Armuth vorüber; durch Arbeit und Mäßig-keit zur Sittenstrenge und Kraft, durch vielfache Gelegenheit zurAusbildung des Geistes, die der Niedrigere im Volk leider oftentbehren muß, und durch die Stellung, welche er zwischen demGeringsten und Vornehmsten, dem Aermsten und Reichsten ein-nimmt, die alle seine Hilfe bedürfen, zu einer Mannifaltigkeit vonVerhältnissen im gesellschaftlichen Leben, die kein anderer Stand, s»wie dieser, hat, und zur Vollstreckuna jeder Tugend Anlaß darbietet.
L. ' ' 13