selten; nicht so gemein zwar sind in unfern Zeiten diejenigen voneinem Lebensalter von hundert und zwanzig bis hundert unddreißig, aber doch kennt man dergleichen, oder selbst verschiedene,die anderthalbhundert Jahre erreicht und überlebt haben. Alleinvon allen diesen hatte sich wohl kaum die Hälfte eines frohen,glückseligen Greisenthums zu freuen.
Deswegen, wer da wünscht, sein Leben zu verlängern,und ein ansehnliches Alter zu erreichen, sollte zugleich seineerste Sorge sein lassen, sich ein frohes Alter vorzubereiten.Die später« Tage unsers irdischen Daseins führen ohnehin so vieleUnannehmlichkeiten ihrer Natur nach mit sich; sie entfernen vonso vielerlei Quellen der Freude, die uns nur in der Jugendsprudeln, daß man um so ernstlicher darauf bedacht sein muß,sich zugleich in der Höhe des Lebens die möglichste Anmuth des-selben zu bewahren. Ohne dies würde die Verlängerung unsersHierseins nur Verlängerung unserer Mühseligkeiten, Schmerzenund Plagen sein.
Wohl dem Menschen, sagt Salomo, der Weisheit findet.Langes Leben ist zu ihrer rechten Hand; zu ihrer linken istRei'ch-thum und Ehre. Ihre Wege find liebliche Wege, und alle ihreSteige sind Friede! (Spr. Sal. 3, 13. 16. 17.) Eine solcheWeisheit ist aber nicht die alltägliche Lebcnsklugheit. Nein, sie istdie Frucht des Geistes. Sie ist das Religiöse, welches uns selbstüber die Todesfurcht, wie über alle Wünsche nach langer Lebens-dauer erhebt, und, zufrieden mit der Unsterblichkeit des Uebcr-irdischen, nur Beseligung des Daseins hier und dort fordert. Sieist dieMeisheit Jesu Christi; — sie ist das Leben in seiner hohen,ruhigen Denkart und äußern Genügsamkeit; — sie ist das Lebenin Vollstreckung der Gottesgebote auf Erden. Nur in ihr gründetsich die ganze Kunst, ein glückseliges, heiteres Lebensalter zuerreichen. Die Ausübung der Weisheit ist die Kunst.
Vielleicht hat nur Gott ein hohes Alter zum Leben bestimmt —aber meine Schuld würde es sein, wenn dasselbe voller Elendwäre. Rege, wie der Trieb zum Leben, ist auch mein Triebzur Glückseligkeit. Ich würde jenes keineswegs wünschen, wennich diese nicht hoffen dürfte. Um so anaelegener werde es mir,