Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
246
Einzelbild herunterladen
 

die Welt im Morgenroch verklärte; jetzt geht die Sonne unter,und mit Entzücken sieht er die Welt in einer schönen Abendröcheverschweben, und die Bilder umher nach und nach dunkler undverworrener werden. Die Freuden seiner irdischen Kindheiterneuern sich immer schöner in seinem Gedächtnisse; darum sehnter sich nach denr heiligen Jenseits über dem Grabe, nach denMorgenröthen der Ewigkeit, nach der Jugendwelt seiner Unsterblich-keit , wohin ihn Gott berufen, wozu ihn Gott auserwählt hat.

Ja, jedes menschliche Alter hat seine Freuden, und dieGüte Gottes hat keines ohne eine beglückende Aussteuer gelassen.Man sagt wohl: aber die Last der Jahre ist doch endlich drückend,und das Alter ist beschwerlich. Allein demjenigen, der nichtweise und christlich lebt, ist jedes Alter beschwerlich, und demFreunde Gottes, dem Freunde Jesu ist jede Lebensart leichtund freudevoll. Habt ihr noch keinen vergnügten Greis in derUmarmung seiner Kinder und Enkel gesehen? noch keine trost-lose Jungfrau? noch keinen verzweifelnden Jüngling, nochkeinen, der sich in der Blüthe seines Alters selbstmörderisch dasbeschwerliche Leben verkürzte?

Man sagt wohl: das Alter ist schwach, es kann in der Weltnicht mehr viel nützen. Allein du irrst. Das Alter ruhet nurmit seinen durch Arbeit und Jahre erschlafften Kräften; cs hatseine Ruhe verdient. Aber es nützt noch mit seinen reif gewor-denen Erfahrungen, mit seiner Kcnntniß der lange gesehenenWelt, mit seinen Lehren, welche cs Kindern und Enkeln crthcilt.Das Alter macht die Seele nicht halb so schwach, als die Jugend,wo ungestüme Begierden und Neigungen das Gemüth oft ver-dunkeln und zu Fehltritten hinleiten. Das Alter ist leidenschaft-loser, ruhiger, besonnener, mehr seiner selbst Herr.

Du sagst: das Alter ist von Natur muthlos und verdrossen.Ich sage: die Jugend ist von Natur leichtsinnig, üppig undmuthwillig. Jedoch beide Sprüche sind voll Jrrthum. Nichtjeder Jüngling ist voll Leichtsinn und Ueppigkeit; nicht jederGreis ist verdrossen und muthlos. Der Fehler klebt nicht an derLebenszeit, sondern am Menschen. Ich sah schon verdrossene