235
- -/
den Sterblichen leiten? — Nein, du Einsamer, es ist so thörichtals grausam, dich zu richten. Meinen Lippen entfliehe nie derHohn, der meinen Verstand oder mein Herz entehren würde.
Du, losgekettct von tausend häuslichen Sorgen und Leiden,welche auch wohl die glücklichem Ehen zu begleiten pflegen,erhebe dich desto freier z- jeder Tugend. Hänge die Liebe deinesHerzens an Alles, was du wie das Edelste schätzest. — Du lebstnicht für Gattin und Kinder: lebe für das Wohl des gemeinenWesens, für das Vaterland, für die Wissenschaft! So thaten alleGroßen und Edeln der Vorwclt, welche unvcrmählt hinstarben.Wie ihnen, sei auch dir die Glückseligkeit der menschlichenGesellschaft eine Braut. Für sie opfere deine Tage, dcine^Mühen, den Ueberfluß deiner Ersparnisse hin. So erfüllst du,gleich den ersten Bckenncrn Jesu, einen hohen Beruf. So erfüllstdu das Gotteswort: Wer ledig ist, der sorget, was dem Herrnangehört, wie er dem Herr gefalle. (1. Kor. 7, 32.)
Jeder S-tand, der ehelose wie der eheliche, hat seine ihmeigenen Gefahren für Ruhe und Lcbensglück. Lerne sic kennen,verbanne die Fehler, welche leicht dem Umvermähltcn ankleben:eine Rohheit der Sitten, neben welcher selten edler Sinn unddas zur Tugend nöthige Zartgefühllbestchen kann; — eine Ver-achtung der Weiber, die aus Unmuth entspringt, welchen nichtalle verschuldeten; — eine Ungeselligkeit, welche dich uin vielefrohe Stunden und selbst um herzlichere Zuneigung deinerFreunde bringt, die dich schätzen; — eine Wunderlichkeit inLaunen und Eigenheiten, die man im gemeinen Leben oft nochschwerer verständigen Männern verzeihen mag, als wirklicheFehler der Sittlichkeit.
Kann dich auch nicht das schmeichelnde Liebkosen frommerKinder, nicht der zärtlich theilnehmende Blick einer guten Gat-tin erfreuen: an dir steht es, dich mit der Achtung aller deinerMitbürger zu umringen, die Dankbarkeit von dir ernährterhilfloser Familien zu ärnten, und durch Erziehung verlassenerWaisen, deren Vater du wirst, Vaterfreuden zu genießen.Warum säumest du, der, hohe edle Mensch zu sein, der du indeinen unabhängigen Verhältnissen sein kannst? Warum säumest