wurden. Die Ausschweifungen der Lesesucht haben ihre Ein-bildungskraft mit Hirngespinnsten und läppischer Schwärmereierfüllt; das edle weibliche Gefühl für das abgestumpft, wasewig wahr und gut und ewig schön ist; die zarte Empfindsamkeitin erkünstelte und nachher zur andern Natur werdende Empfindeleiverunstaltet; ihre einfache Anmuth ist in widerliche Ziererei undGefallsucht verkehrt; ihr Verstand ist leer, ihr Herz vergiftet,ihr Gewissen vielleicht schon mit heimlichen Sünden befleckt.Welcher redliche Mann, wenn ihn nicht wilde Leidenschaftbcthört, mag einer solchen sittlichen Mißgestalt die Hand zumewigen Bunde bieten? Und wenn es geschieht, wie ist in solchenEhen dauerhaftes Glück zu erwarten? — Daher so viel Elendin Palästen wie in Bürgerhäusern. O klaget nicht die schlechtenZeiten, sondern die schlechten Sitten an, und die Verkehrtheiteuers Verstandes!
Diese unschickliche Erziehung der Töchter wirkt verderblichauf das männliche Geschlecht zurück. Mancher, der sich nichtin der Lage befindet, den stolzen Ansprüchen, den zahlreichenangewöhnten Bedürfnissen der Jungfrau, die er lieben könnte.Genüge zu leisten, gibt die Hoffnung zu einer Ehe auf, die ihnbeglückt haben würde. Er verschwendet den Ueberfluß seinesEinkommens für rohe Gelüste, da er ihn nicht im nüchternen,häuslichen Leben für Weib und Kind anwenden darf. Er stilltseine wilden Triebe, wie er mag und kann. An Gelegenheitenfehlt es ihm nicht, und Gewohnheit lehrt ihn frech sein. Er,nur mit dem Ausschuß des weiblichen Geschlechts vertraut, kenntkeine Sittfamkeit, keine Unschuld. Verführungen nennt derekelhafte Bösewicht Triumphe. Mit Witz sucht er sein viehischesTreiben zu verschönern, bis er entnervt, oder als Opfer schänd-licher Krankheiten, hinsinkt, ein früher Raub seiner Laster.Oder rettet er noch nach langen Ausschweifungen Leben undzitfl'rnde Gesundheit, so ist Uebersättigung die Folge seiner Un-Dstundenheit, oder auch ungerechte Würdigung und Verachtungdes weiblichen Geschlechts, .weil er nur die ehrlosesten Gliederdesselben kennen lernte; oder eine nie glückliche Ehe, weil'dasvergiftete Geblüt und das entnervte Wesen des Vaters mehr oder