Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
223
Einzelbild herunterladen
 

223

kaum wahrnimmt. Aber eben diese, allen andern Menschenverzeihlich scheinenden, Unarten und Schwächen können im engenVerein der Ehe die ganze Seligkeit des Hauses verbannen.

Je länger diese Fehler geduldet werden, je tiefer der gegen,seitige Mißmuth sich in die Herzen eingräbt: je tiefer und un-erreichbarer versinkt das Lebensglück; je unmöglicher wird, wonicht die gegenseitige Versöhnung der Gemüther, doch ihrefreundschaftliche Verbindung.

Sind Hausfrieden und Frieden des Herzens ein Bedürfniß,ein hohes Gut, so sei auch christlicher, das heißt, weiserEhegatten erstes Streben, sich selbst von Fehlern zu befreien,die Zwietracht und Kälte erzeugen können, oder Versöhnungunmöalich machen. Keiner fordere von, Andern Vollkommen-heiten, die er demselben nicht zuerst an sich selber zeigt; Keinerzürne über des Andern Fehler, bevor er nicht selbst an sich jedenFehler vertilgt hatte, der seinem Lebens-, seinem Freuden- undLeidensgenossen verhaßt scheint. Niemand traue dem Andernalles Unrecht allein zu, sondern erkenne, daß auch er Jrrthümcrund Fehler begangen habe, die das häusliche Glück störten.Wenn wir nicht geliebt werden, ist es nicht die Schuld dessen,der uns nicht lieben kann, sondern unsere eigene Schuld, daßwir uns entweder nicht liebenswürdig zu machen oder nichtliebenswürdig zu erhalten wissen.

Ilm in der Ehe jene Liebenswürdigkeit zu bewahren, durchwelche die Verbindung vielleicht gestiftet worden, oder doch ver-schönert werden kann, müssen wir uns mit jenen geselligen undeinnehmenden Tugenden schmücken, die nie ihres angenehmenEindrucks verfehlen. Dahin gehört Schamhaftigkeit auchim vertrauten Umgänge, diese Zierde des Mannes und desWeibes, ohne welche beide sich bald Gegenstände des Ekels undUeberdrusscs werden; Reinlichkeit, welche auch dann nochdem Aeußern einen Reiz gibt, wenn schon die erste Jugendblüthcverwelkt sein mag, und welche nicht selten die Stelle körperlicherSchönheit ersetzt, indem sie die frische Gesundheit und Fülleder Kraft bewahrt; Gefälligkeit in Ansta>.d, Worten undHandlungen, die, und wäre es anfangs auch nur erkünstelt,