wenn du die Waise mit kalter Gleichgültigkeit einsam und mutter-los lassest!
Siehe, wenn in wenigen Monaten dir dein Todcsengelerschiene — und kennst du die Länge deiner Tage? — wenn ererschiene und dich hinwegriefe aus den Armen deiner Gattin odervon deinem eigenen Kinde — wie würde es dir sein? Was würdestdu selbst von Gott erflehen? Was möchtest du dem jungenSohne, der jungen Tochter wünschen, die du als Waise fremdenHänden überlassen sollst? O du fühlst cs, dein Herz rief eslaut! — — Wie, und du lebst, und bist gewissenloser gegen dasKind einer fremden Ehe, als du von Andern wünschest, daßsie nach deinem Tode gegen dein eigenes sein sollen? Wievereinigst du solche schreiende Widersprüche in einem redlichenGemüth? Gehe hin, und werde deinem Stiefkinde, was duwünschest, daß, wenn du stürbest, auch Andere einst gegen deineigenes sein möchten! Vergiß cs nicht, daß Vergeltung schrecklichauch auf Erden wohnt! Vergiß es nicht, daß dich und dein Thunvielleicht der Blick der Seligen beobachtet, gewiß aber der All-wissende sieht!
Gehe hin, schließe die Waise an dein Herz, die du zu wenigliebtest, und die durch deine Kälte verlernte, Zutrauen undLiebe zu dir zu haben; schließe die Waise an dein Herz, zuwelcher wenigstens Freundschaft aus Mitleiden entspringen muß;schließe die Waise an dein Herz, die vielleicht darum mindergut und liebenswürdig geworden ist, weil du sie nur allzugleich-gültig versäumt hattest; schließe die Waise an dein Herz unddenke, daß ihre etwaigen Fehler nur Früchte deiner eigenenVergehungen gegen sie sind.
Und wenn du diese Waise noch so liebevoll behandelst, ach!du ersetzest ihr doch nicht Alles, was sie zu beweinen hat., Seinoch so gütig, du bist ja doch nicht der Vater, sondern nurPflegevater; sein noch so zärtlich, ach, deine Liebe quillt ja dochnicht aus dem tiefen Innern eines Muttcrhcrzens gegen dasgute Pflegekind! Nein, eine liebe Vaterhand läßt sich nie ganzdurch eine fremde Hand, und ein Mutterherz durch kein anderesersetzen!