wäre es sein eigenes. Man wird eine Stiefmutter ehren, welchedas Kind ihres Gatten mit einer Liebe behandelt, wie sie kaummit einer größern Innigkeit ihr selbstgebornes lieben könnte.
Aber plötzlich ändert sich bei Vielen Alles, sobald neben demStiefkinde nun ein eigenes Kind lebt. Dann erlöscht die alteLiebe gegen das fremde, und vereinigt ihre Strahlen nur aufdas eigene, um es zu beglänzen, zu erwärmen und zu beseligen;dann schmeichelt cs der Eitelkeit schwacher Mutter, schwacherVäter, dies Kind von Andern vorzugsweise gepriesen und be-wundert zu sehen; dann erwacht die Eifersucht, wenn irgendeinmal das fremde in den Augen Anderer liebenswürdiger alsdas eigene erscheint; dann regt sich der Neid, wenn man es sichnicht verbergen kann, daß das Stiefkind noch Eigenschaftenbesitzt, wodurch es eben so liebenswürdig, oft noch angenehmerals das eigene werden dürfte; dann schwillt der Haß, wenn manjenes vielleicht durch besondere Verhältnisse beglückter sieht, alsdas eigene, oder wenn es eben so große Ansprüche auf Liebe undPflege inacht. Dann verkleinert die unbillige Selbstsucht an demStiefkinde das Gute, welches inan sonst an ihm rühmte, und ver-größert seine allfälligen Fehler, die man sonst mit Edelsinn zuentschuldigen oder sanft zu ändern suchte. Man erblickt in jedemkleinen Vergehen ein großes Verbrechen, in jedem finstern Blickeine geheime Bosheit, in jeder Thräne eine Heuchelei und Tücke,oder Rache.
Sö ist der Friede des Hauses gebrochen, so die Glück-seligkeit aller Gemüther zerstört, lind wodurch? Ach, durch dieUnvorsichtigkeit und Thorheit oft eines einzigen Menschen, einesMenschen, der in Allein Andern sonst gut, liebenswürdig undedel sein kann.
Diese traurigen Veränderungen entspringen nicht sogleich inihrer ganzen Größe; aber das Uebel wächst mit den Stundenund Jahren. Erst erkaltet die Liebe, che sie sich in ungerechtenHaß oder gar in schimpfliche Verfolgung verwandelt. Erst wirddas Stiefkind mit weniger Zärtlichkeit behandelt, dann nurGleichgültigkeit, dann mit Ueberdruß und Widerwillen, dannmit geheimem Groll, endlich mit offenbarer Ungerechtigkeit und